Die Farmfluencer: So erobern junge Bäuerinnen und Bauern Social Media
Mehr Bewusstsein für das Leben am Land
© Wirtschaften am Land
Bewusstsein für das Leben am Land und die heimische Landwirtschaft schaffen: Das ist das Ziel der „Farmfluencer“ – ein Netzwerk junger Bäuerinnen und Bauern aus ganz Österreich.
“Wir jammern nicht, wir machen!”
So lautet der Leitsatz der Farmfluencer, die auf Social Media hautnah von der Land- und Forstwirtschaft und vom Leben am Bauernhof berichten. Sie wollen etwas bewegen, Verantwortung übernehmen und auch aufzeigen, warum bestimmte Themen für die Landwirtschaft besonders herausfordernd sind. Das Projekt wurde 2022 vom Verein „Wirtschaften am Land“ ins Leben gerufen, mit dem Ziel, einer breiten Öffentlichkeit auf Social Media via @farmfluencer_at mehr direkten Bezug zur Lebensmittelproduktion oder zum Alltag auf bäuerlichen Betrieben zu ermöglichen. Wir haben mit Robert Pichler, Obmann des Vereins, über die Mission der „Farmfluencer“ gesprochen.

Was genau sind die „Farmfluencer“?
Die Farmfluencer sind Bäuerinnen und Bauern, die über soziale Medien ihren Alltag zeigen. Sie erklären, wie Landwirtschaft funktioniert. Die Farmfluencer geben Einblicke in die heimische Lebensmittelproduktion und machen sichtbar, wie viel Arbeit, Verantwortung und Leidenschaft in der täglichen Arbeit auf den Höfen steckt. Dabei geht es um echte Geschichten und reale Bilder aus dem Alltag. Dadurch zeigen sie die Landwirtschaft so, wie sie ist: unverstellt und aus erster Hand.
Und wer sind die Farmfluencer?
Hinter den Farmfluencer stehen junge, engagierte Bäuerinnen und Bauern aus allen Bereichen der österreichischen Landwirtschaft. Von Schweinehaltung über Geflügelhaltung bis hin zur Milchviehhaltung ist alles vertreten. Quer über Österreich verteilt, zeigen Sie ihren Alltag auf dem Betrieben. Nicht nur wie unterschiedlich Betriebe sind in Österreich, sondern auch wie vielfältig die Regionen und deren Produkte sind. Aktuell sind 24 junge Bäuerinnen und Bauern Teil des Projekts. Auf ihren eigenen Social-Media-Kanälen geben sie Einblicke in ihren Alltag und teilen ihre persönlichen Erfahrungen, ihr Fachwissen und ihre Begeisterung für die Landwirtschaft. Die Farmfluencer zeigen somit anschaulich und unterhaltsam, wie Lebensmittel in Österreich hergestellt werden und welche Verantwortung Bäuerinnen und Bauern täglich übernehmen.
Was ist eure Vision?
Die Vision hinter dem Projekt ist es, Landwirtschaft wieder näher zu den Menschen zu bringen. Mit keinem anderen Produkt kommen wir so oft in Kontakt, und trotzdem vergessen wir häufig, wie unverzichtbar unsere Lebensmittel sind. Mit dem Projekt Farmfluencer wollen wir anschaulich zeigen, wo unsere Lebensmittel herkommen und wie Landwirtschaft funktioniert. Damit machen wir sichtbar, wer sie produziert und wie viel Arbeit, Wissen und Leidenschaft es braucht, bis das Essen auf dem Teller landet. Unser Ziel ist es, Verständnis, Vertrauen und Wertschätzung für die heimische Landwirtschaft und den ländlichen Raum zu schaffen. Die Farmfluencer bauen eine Brücke zwischen den Bäuerinnen und Bauern die täglich unsere Lebensmittel produzieren, und uns allen, die sie konsumieren. Auf diese Weise schaffen wir wieder einen direkten Austausch zwischen der Landwirtschaft und der Gesellschaft.

Ihr wollt Landwirtschaft mit dem Projekt nahbar und verständlich machen – warum ist das wichtig?
Landwirtschaft betrifft uns alle, jeden Tag und bei jeder Mahlzeit. Trotzdem wissen viele Menschen heute nicht mehr, wie Lebensmittel produziert werden, welche Arbeit auf einem Hof notwendig ist und welche Verantwortung Bäuerinnen und Bauern tragen. Wenn dieser Bezug fehlt, entstehen schnell Missverständnisse. Genau deshalb ist es wichtig, Landwirtschaft direkt aus der Praxis zu erklären. Die Farmfluencer zeigen, was tatsächlich passiert, warum bestimmte Arbeiten notwendig sind und wie viel Wissen, Planung und Einsatz hinter regionalen Lebensmitteln stehen. Über Social Media entsteht wieder ein niederschwelliger Zugang zu landwirtschaftlichem Wissen. So können Menschen direkt in den Alltag auf den Höfen eintauchen, Fragen stellen und Zusammenhänge besser verstehen. Gleichzeitig wächst dadurch das Bewusstsein dafür, was unsere Bäuerinnen und Bauern täglich leisten.
Als eine Art „Botschafter der Landwirtschaft“ liefert ihr Einblicke in unterschiedlichste Bereiche der Landwirtschaft – was sieht man alles auf eurem Kanal?
Auf unserem Kanal @farmfluencer_at, aber auch auf den einzelnen Kanälen der Farmfluencer, zeigen wir viele verschiedene Inhalte. Dazu gehören hautnahe Einblicke in den Alltag, etwa direkt aus dem Melkstand, vom Traktor, aus dem Stall oder vom Feld. Ebenso gibt es Erklärbeiträge und -videos zu Themen wie Fütterung, Tierhaltung, Bewirtschaftung, Anbau, Ernte und Verarbeitung von Lebensmitteln und vieles mehr. Wir sprechen aber auch Themen an, über die sonst oft wenig gesprochen wird. Dazu zählen Herausforderungen im landwirtschaftlichen Alltag, saisonale Arbeitsspitzen, Wetter, Verantwortung gegenüber Tier und Natur sowie die Frage, wie viel Planung und Fachwissen hinter der Produktion unserer Lebensmittel steckt. Mit der Vielfalt der Farmfluencer möchten wir auch die Vielfalt der Landwirtschaft in Österreich sichtbar machen. Landwirtschaft ist ein sehr breiter und facettenreicher Bereich mit vielen Themen, die erklärt und kommuniziert werden sollten. Unser Ziel ist es, in möglichst vielen Bereichen Wissen zu vermitteln, Einblicke zu geben und Landwirtschaft mit unterschiedlichen Formaten nahbar zu zeigen.
Geht es auch darum, Arbeiten in der Landwirtschaft für junge Menschen attraktiver zu machen – Stichwort Hofübernahme zum Beispiel?
Das ist grundsätzlich ein wichtiger Aspekt. Unter den Farmfluencern sind viele junge Hofübernehmerinnen und Hofübernehmer, die ihre Follower in ihrem Alltag mitnehmen und zeigen, was Landwirtschaft heute bedeutet. Einige thematisieren auch die Hofübernahme selbst, sei es auf Social Media oder im Rahmen von Vorträgen und Veranstaltungen. Mit dem Projekt möchten wir zeigen, wie es in der Landwirtschaft wirklich zugeht: mit den schönen Seiten, aber auch mit den Herausforderungen. Gleichzeitig machen die Farmfluencer sichtbar, dass Landwirtschaft ein moderner, vielseitiger und verantwortungsvoller Beruf ist. Dadurch ermöglichen wir jungen Menschen, sich ein eigenes Bild vom Beruf Bäuerin oder Bauer zu machen. Vor allem wollen wir zeigen: Landwirtschaft hat Zukunft und spielt eine zentrale Rolle für unsere Gesellschaft.

Welche Missverständnisse über Landwirtschaft begegnen euch am häufigsten?
Ein häufiges Missverständnis ist, dass Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion oft sehr vereinfacht gesehen werden. Viele Menschen sehen das fertige Produkt im Regal, aber nicht die vielen Arbeitsschritte, Entscheidungen und Herausforderungen, die dahinterstehen. Hier wollen wir auch ansetzen und mit Missverständnissen aufräumen. Denn hinter vielen landwirtschaftlichen Abläufen steckt oft deutlich mehr, als auf den ersten Blick erkennbar ist. Unsere Farmfluencer erklären, häufig direkt vom Betrieb, warum bestimmte Maßnahmen und Arbeitsschritte notwendig sind und welche Zusammenhänge dahinterstehen. Darüber hinaus setzen wir, neben Social Media, auch gezielt auf persönliche Begegnungen: Mit Präsenzveranstaltungen wie Hofbesuchen machen wir Landwirtschaft erlebbar und schaffen Raum für direkten Austausch zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft. So werden Zusammenhänge verständlicher, Vertrauen gestärkt und ein realistischer Blick auf die moderne Landwirtschaft ermöglicht.
Euer Leitsatz ist „Wir jammern nicht, wir machen!“ – was steckt dahinter?
Die Landwirtschaft steht vor zahlreichen und vielschichtigen Herausforderungen: Wetterextreme, wirtschaftlicher Druck, steigende Anforderungen an Produktion und Tierhaltung, gesellschaftliche Erwartungen, aber auch geopolitische Entwicklungen und deren Auswirkungen, etwa auf Energie- und Düngemittelpreise. Die Farmfluencer möchten dabei aber nicht nur über Probleme sprechen und zu jammern beginnen, sondern aktiv etwas bewegen. Der Leitsatz „Wir jammern nicht, wir machen!“ bringt genau diese Haltung auf den Punkt: Wir wollen Verantwortung übernehmen, erklären, einordnen und zeigen, warum bestimmte Themen für die Landwirtschaft besonders herausfordernd sind. Gleichzeitig möchten wir Konsumentinnen und Konsumenten einbinden und verständlich machen, was hinter der täglichen Arbeit auf den Höfen steckt. Denn nur wenn Menschen verstehen, unter welchen Rahmenbedingungen Landwirtschaft heute stattfindet und vor welchen Herausforderungen Betriebe stehen, können mehr Wertschätzung, Vertrauen und Verständnis für die Landwirtschaft entstehen.
Wie kann man sich „bewerben“ und Teil des Projekts werden?
Grundsätzlich sind die Farmfluencer offen für junge Menschen aus der Landwirtschaft, die bereits auf Social Media aktiv sind oder Interesse daran haben, landwirtschaftliche Themen glaubwürdig zu kommunizieren. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Anzahl der Follower, sondern um die Art der Kommunikation: Wichtig ist, dass Landwirtschaft authentisch, fachlich fundiert und nicht geschönt dargestellt wird. Aktuell sind jedoch keine größeren Neuaufnahmen geplant. Wer dennoch Interesse hat, kann sich gerne direkt an „Wirtschaften am Land“ wenden. Wir prüfen Anfragen individuell und besprechen, ob und in welcher Form eine Zusammenarbeit möglich ist.
Über Wirtschaften am Land
Der Verein hat sich darauf spezialisiert, Akteurinnen und Akteure im ländlichen Raum und agrarische Verbände zu vernetzen sowie in ihrer Arbeit zu unterstützen. Er fungiert als Schnittstelle zwischen unterschiedlichen Partnern und Organisationen, bündelt Interessen und sorgt dafür, dass Inhalte professionell aufbereitet und sichtbar gemacht werden. Anspruch ist es, den ländlichen Raum in seiner Vielfalt zu stärken, neue Perspektiven aufzuzeigen und gemeinsam mit den agrarischen Organisationen sowie Akteurinnen und Akteure zukunftsorientierte Lösungen voranzutreiben.
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