© Minitta Kandlbauer
Kriege und Menschen auf der Flucht. Wer aber sind die Asylsuchenden? Täter oder Opfer? Eine Frage, die Asylrechtsberater in einem schmalen Grat zwischen gesetzlichen Fakten und persönlichem Mitgefühl ausloten müssen. In seinem Roman „Walküre“ setzt sich der Autor mit diesem Dilemma schonungslos auseinander. Ein großartiges Zeitdokument!
Daniel Zipfel im Interview über sein neues Buch
Daniel Zipfel lebt mit seiner Familie in Klosterneuburg und arbeitet seit vielen Jahren als Jurist in der Asylrechtsberatung. Sein Roman „Eine Handvoll Rosinen“ über einen Fremdenpolizisten im Flüchtlingslager Traiskirchen wurde von der Kulturabteilung des Bundeskanzleramts als „besonders gelungenes Debüt“ ausgezeichnet. Darauf folgte der Roman „Die Wahrheit der anderen“ über die Grauzonen der Asylpolitik (beide erschienen bei Kremayr & Scheriau), und „Nichts als Papier“ (Leykam, 2023), ein historischer Roman über die von Rechtspopulisten vereinnahmte Zeit der Wiener Türkenbelagerung. Alle seine Romane erhielten die Buchprämie der Stadt Wien.
Der Plot
Inmitten des Chaos der Fluchtbewegung 2015 arbeitet Benjamin Weiß als Jurist in einer Asylberatungsstelle. Als er den Fall des Syrers Adnan Al Saed übernimmt, dem Kriegsverbrechen vorgeworfen werden, gerät er in ein moralisches Dilemma: Soll er belastende Wahrheiten verschweigen oder offenlegen? Und dann kehrt mit der deutschen Großmutter auch noch die verdrängte NS-Vergangenheit seiner eigenen Familie zurück…
Benjamin Weiß fällt in ein Burnout. Ist das Schreiben für Sie als Asylrechtsberater eine Art Katharsis?
In der Rechtsberatung dokumentieren wir Erfahrungen von Verlust oder Gewalt. Eine Katharsis entsteht dabei oft für die Betroffenen selbst, wenn ihre Geschichte wahrgenommen wird. Beim Schreiben kann ich mich mit den tieferen Schichten dessen beschäftigen, was ich im Alltag erlebe.
Gilt das Zitat des US-Senators Hiram Johnson „Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit“ auch in der Flüchtlingsarbeit?
Im Asylrecht entscheidet sich vieles an der Glaubwürdigkeit. Deutlich wird, wie wichtig rechtsstaatliche Prinzipien sind. Gleichzeitig erleben wir gesellschaftlich, dass Wahrheit zunehmend relativiert wird, als wäre sie austauschbar.
Der Roman spielt in Ihrer Heimatstadt Freiburg, in Endingen, Stuttgart und Kritzendorf. Gibt es autobiografische Parallelen?
Wichtig ist für mich der Umgang mit der Vergangenheit, mit dem Schrecken und dem Schweigen. Viele Familien in Deutschland und Österreich, auch meine eigene, tragen solche Geschichten in sich, oft über Generationen hinweg. Aus dieser Spannung ist der Roman entstanden.
Der Großvater, Leutnant Paul Hennerle, verweigert an der Ostfront am Dnepr den Schießbefehl auf Zivilisten und zerbricht an der Grausamkeit des Krieges – nicht so die „Walküre“ Ilse Hennerle…
Die NS-Ideologie hat eine große Härte hervorgebracht, ein erschreckendes Maß an Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer. Im Roman interessiert mich, wie unterschiedlich Menschen damit umgehen: Der eine zerbricht daran, die andere findet gerade in dieser Härte ihre Rolle.
War die informelle Willkommenskultur 2015/16 ein „Fehler“?
Die spontane Hilfe war ein menschlicher Impuls. Ob man das später politisch klug findet oder nicht, ist eine andere Frage. Entscheidend ist für mich, dass wir den Maßstab nicht verlieren: die Würde des Menschen.
„Walküre“ erschien bei Leykam, € 25,50,
Infos zum Autor auf www.danielzipfel.at
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