Die Familie & das Waldviertel als Anker

Stella singt. Mit wundervoll kräftiger Stimme. Wie der Rückhalt einer Familie der jungen Asthma-Patientin den Weg auf die Bühne ebnete.

7 Min.

© Vandehart Photography

Erik sollte so weit wie möglich von dramatischen Szenen abgeschirmt werden. Wenn Stella um Luft rang, sie dringend Cortison und die Sauerstoffflasche brauchte, teilten sich die Barghoutys oft auf. Irene blieb beim Sohn, ihrem jüngeren Kind, Hussein bei der Tochter. Unzählbar viele Nächte verbrachten sie, indem sie sich Wecker stellten, einander abwechselten, sich um das Leben von Stella sorgten.Es ist dieselbe Stella, die uns zum Interview mit strahlenden Augen willkommen heißt. Die Stella, die seit Kurzem mit ihrer Stimme Jurys diverser Castingshows verblüfft. Die Stella, die mittlerweile Hunderttausende Klicks auf ihren Instagram– und YouTube-Kanälen hat. Die Entwicklung der heute 13-jährigen Asthma-Patientin grenzt an ein Wunder. Doch die Erklärung ist weit vielschichtiger.

Ich wünsche unserer Tochter möglichst viel Erfolg, aber das Wichtigste ist: Bleib gesund.

Hussein Barghouty

Wie alles begann. Irene und Hussein lernten einander in Wien kennen; er studierte an der Wirtschaftsuni, sie Biologie mit Fokus auf Ökologie. Ihre Studien finanzierten sich die beiden selbst: Irene war nebenher Babysitterin und arbeitetete im Supermarkt, Hussein switchte zwischen Jobs, wie Kranfahrer, Disco-Rausschmeißer und Tellerwäscher. Abenteuerlust und Neugier verbanden die beiden von Beginn an, „wir sind sehr viel gereist, meistens mit Rucksack und Zelt, waren in Kanada, Alaska, Ägypten“, zählt Irene Barghouty auf.
Später startete sie erfolgreich in einem Pharmaunternehmen durch, Hussein und sein Bruder machten aus dem kleinen Einmannbüro des Vaters Stück für Stück eine erfolgreiche Kanzlei für Steuer- und Unternehmensberatung.

Als Irene schwanger wird, scheint das Glück des Paares perfekt, doch es sollte anders kommen. „Stella ist schon bei der Geburt fast gestorben“, sagt Hussein Barghouty, und das Lächeln weicht aus dem zuvor fröhlichen Gesicht. Sie hatte eine schwere Lungenentzündung; drei verschiedene Antibiotika zeigten beim Neugeborenen keine Wirkung. „Man hat uns gesagt, dass sie vielleicht die Nacht nicht überlebt“, erinnert er sich. Der verzweifelte Vater fährt in ein anderes Spital, läutet in der Nacht auf der Kinderstation Sturm, ein dortiger Arzt empfiehlt ein weiteres Medikament, das rettet tatsächlich das Leben der Kleinen. „Wir wussten aber, dass die Lunge ihre Schwachstelle bleiben wird“, sagt Irene. Stella wächst mit Asthma und einem hyperreaktiven Bronchialsystem auf und leidet an Immunschwäche. Sie macht sieben Lungenentzündungen durch.

Husseins Mutter ist eine Gmündnerin, so entdeckt die Familie die wohltuende Wirkung des Sole Felsen Bades; die vier – Erik ist drei Jahre jünger als Stella – werden Stammgast. Im Alltag lauert aber überall die Gefahr, es reichen ein Schnupfen, eine Allergie oder ein bisschen körperliche Anstrengung, und die Abwärtsspirale beginnt.
Immer und überall waren die Eltern mit Sauerstoffflaschen und Medikamenten gewappnet, Stella musste vielfach ins Krankenhaus. Häufig geriet der Körper des Mädchens in einen „teuflischen Kreislauf“, wie ihr Vater erklärt: Die hochdosierten Medikamente, die gleichsam überlebenswichtig waren, brachten ihren Organismus durcheinander. An einem ihrer Tiefpunkte war sie kaum zu erkennen: Ihr Körper war voller Quaddeln, die Lippen waren stark angeschwollen, und sie musste am Auge operiert werden. „Eine Nacht werde ich nie vergessen, da war Stella ungefähr zehn, als sie mich fragte: ,Papa, werde ich sterben?‘“, sagt Hussein. „Nein, du wirst singen und tanzen, habe ich ihr geantwortet.“

© Vandehart Photography

Ich spürte, wie ich durch das Singen immer besser Luft bekam und die Töne länger halten konnte.

Stella Maria Barghouty

Reisen in den Norden. Stella war noch ein Baby, da stellte das Ehepaar fest: Die reine, kühle Luft tut ihr gut. „Der Sommer ist Allergiezeit. Wir haben jahrelang unseren Bus voll beladen und sind nach Nordeuropa gefahren. Oberhalb der Baumgrenze konnte sich Stella gut erholen. – Erik, weißt du noch: Was ist in Rovaniemi?“, fragt Hussein seinen Sohn mit einem Augenzwinkern, und Erik triumphiert: „Der Weihnachtsmann! Außerdem gibt es dort die besten Sandwiches.“ Erik kann sich besonders gut an jenen Urlaubstag in Finnland erinnern, der Stellas Leben in neue Bahnen lenken sollte. „Meine Schwester hat sich am Campingplatz zum Karaokesingen auf die Bühne gestellt und war so gut, dass ich schon Eintritt verlangen wollte“, lacht er. „Stella war da neun; wir haben sie zu Hause immer wieder mal singen gehört, aber so?! Wir waren geflasht“, beschreibt Irene. Sie singt Celine Dions „My Heart Will Go On“ und David Guettas „Titanium” – und beschließt: „Mama, Papa, ich will das professionell machen.“

© Vandehart Photography

Die Pandemie. Doch das Universum hielt eine neue Herausforderung bereit: die Coronapandemie. „Als der Wahnsinn ausbrach, gaben uns die Ärzte zu verstehen, dass eine Erkrankung für Stella tödlich enden könnte. Wir mussten sie aus Wien bringen“, sagt Hussein. In der Nähe von Gmünd entdecken sie ein Haus und handeln schnell. „Wir sind mit dem vollen Auto vorgefahren und haben direkt vor dem Haus mit Masken den ersten Mietvertrag unterschrieben“, schildert Irene. Sie bleibt die ersten Monate mit den Kindern dort, Hussein schupft mit seinem Bruder wochentags das Büro in Wien und fährt ihnen freitags nach. „Es war eine harte Zeit, aber die beste Entscheidung. Das Waldviertel wurde unser Anker“, sagt er. Mittlerweile umgibt die Familie ein schöner Freundeskreis, Erik spielt Fußball, ist Mitglied im Tennis­club – und Stella liebt es, dort laufen zu gehen. Eine Sache, die vor wenigen Jahren nahezu unmöglich schien.

ZUSAMMENHALT. Stella, Hussein, Irene und Erik Barghouty © Vandehart Photography

Stella singt. Die Pandemie bremste vieles aus, nicht aber Stellas Sehnsucht nach dem Singen. Die befreundete professionelle Sängerin Giovanna Fartacek – auch bekannt durch ihre Formation „Mynth“ – mag Stellas Stimme; sie wird ihr Vocal Coach. Zwei Stunden die Woche arbeitet Stella mit ihr, widmet von da an quasi jede freie Minute der Musik. „Mit der Zeit bekam sie mehr Farbe im Gesicht, sie brauchte kaum noch Cortison und Sauerstoff aus der Flasche; wenn sich ein Anfall ankündigte, konnte sie das sogar selbst managen“, beschreibt Hussein. „Ich habe gespürt, dass ich besser Luft bekomme und die Töne immer länger halten kann“, freut sich Stella. Bald träumt sie von einem eigenen Video. „Wir fragten sie, warum, und sie sagte: ,Ich will mein Glück teilen.‘ Wenn du so eine Antwort von deiner Tochter bekommst, dann willst du ihr das ermöglichen“, sagt Hussein. Zuletzt sind mehrere Videos entstanden; sie zeigen Stellas faszinierenden Weg zu einer jungen Frau, die am 15. Juni sogar ihr eigenes Benefizkonzert in Wien gibt (Infos: stellaconcert@gmx.at). Seit einigen Monaten ist sie Schülerin der Monika Ballwein Akademie, und ihr Gesundheitszustand verbesserte sich in einem Ausmaß, dass selbst Ärzte erstaunt sind, erzählt Hussein. Das gab Stella bereits im Vorjahr so viel Kraft, dass sie sich bei der großen Sat1-Castingshow „The Voice Kids“ bewarb – und es bis in die Vorrunden in Deutschland schaffte. Ihr Bewerbungsvideo für die Staffel 2024 hat sie bereits eingereicht; ebenso nimmt sie bei „Niederösterreich sucht das größte Talent“ teil.

Unvergesslich bleibt für Stella der Auftritt für die Österreichische Lungenunion im Herbst im Wiener Rathaus; ein kleines Mädchen fragte sie dort: „Wie hast du das geschafft?“ – „Ich habe regelmäßig meine Medikamente genommen und zu singen begonnen“, sagte sie, und so entstand ihr Wunsch, eine singende Botschafterin für Menschen mit ähnlichen Leidenswegen zu werden. Ihren neuen Song „Breathless“ präsentierte sie kürzlich in Vera Russwurms TV-Sendung. „Darin beschreibe ich meine Geschichte: wie krank ich war, dass ich keine Luft bekam und wie ich mir mit dem Singen Mut und Kraft holte.“


Drei weitere neue Lieder schrieb sie zuletzt, die nun veröffentlicht werden. „Die geht ganz schön ab in ihren Videos“, grinst ihr Bruder Erik stolz, der es sich bei keinem Wetter nehmen lässt, Teil der Filmteams zu sein. Den Stress, immer die richtigen Medikamente dabei zu haben, löste ein positiver Stress mit vielen Terminen ab, verrät Irene. „Was kann man sich Schöneres wünschen, als dass dein Kind für etwas so sehr brennt, das sie happy macht?!“ – „Ich bin heute Bodyguard, Fahrer, Organisator“, lacht Hussein. „Wir bemühen uns, dass sie gute Leute aus der Musikbranche umgeben, aber das Hauptziel ist: Bleib gesund, Stella!“

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