Minankabau in Westsumatra, größte matriachale Gesellschaft der Welt

“Die Erde ist weiblich”: Fotografin Maria Haas im Interview

Ihr neuer Bildband: "Matriarchinnen 2"

11 Min.

© Maria Haas

Es sind nicht nur Fotos. Ihre Bilder erzählen Geschichten. Von der Würde und Stärke indigener Frauen, über ihr Wissen, ihre Spiritualität, ihre Lebensfreude und Gemeinschaft – eingeschrieben in die ausdrucksstarken Gesichter von Matriarchinnen, deren Alltag die Klosterneuburger Fotografin Maria Haas nun in ihrem zweiten Bildband dokumentiert. Faszinierend und farbenprächtig.

Die Klosterneuburger Fotografin Maria Haas über ihre Bildbände

Maria Haas widmet sich mit großer Leidenschaft und akribischer Vorbereitung der Erforschung und Dokumentation unterschiedlicher Gesellschaften und Völker, die nicht nach traditionellen westlichen Prinzipien leben. So porträtierte sie die Burrneshas Mann-Frauen im Norden Albaniens, oder die Sami, das letzte indigene Volk Europas im nördlichen Skandinavien. Seit 2016 nimmt sich die zweifache Mutter der besonderen Stellung der Frau in matriarchalischen Gesellschaften an. Ihr erster Matriarchinnen-Bildband (2020) entstand in mehrwöchigen Reisen zu den drei größten, matriarchalisch organisierten Gesellschaften der Welt, den Mosuo in Südwestchina, den Khasi, Garo und Jaintia in Indien und den Minangkabau in Indonesien. Für „Matriarchinnen 2“ besuchte sie die Bijagos im westafrikanischen Guinea-Bissau, das indigene Volk der Bribri in Costa Rica und die Juchitecas in Mexiko. In den Wochen, die sie mit ihnen lebte, entstanden abermals einzigartige Bilder voll Farbenpracht, die in unbekannte, faszinierende Welten entführen

Maria, was hat Sie motiviert, Ihre Arbeit den matriarchalen Gesellschaften zu widmen?

Nach vielen Jahren in der klassischen Fotografie, habe ich mich gefragt, ob das wirklich das ist, wofür ich meine fotografische Energie einsetzen möchte. 2014 ist dann etwas passiert, das mein Leben stark verändert hat. Meine Mutter ist relativ jung schwer erkrankt und innerhalb von sechs Monaten gestorben. Nach diesem Verlust wurde mir klar, dass ich etwas machen möchte, das für mich persönlich und gesellschaftlich Sinn ergibt. In dieser Phase habe ich angefangen, über matriarchale, matrilineare und matrifokale Gesellschaften zu lesen, über moderne Matriarchatsforschung und über Kulturen, in denen solche Strukturen bis heute gelebt werden. Ich habe alles gelesen, was ich finden konnte. Es war nicht unglaublich viel Material, aber genug, um zu spüren: Das ist mein Thema.

Sie wollten diese Kulturen aber nicht nur theoretisch verstehen…

Genau, ich wollte wissen, wie Familien dort tatsächlich leben, wie Beziehungen funktionieren, wie Verantwortung getragen wird. Deshalb habe ich mich 2016 erstmals auf den Weg nach China gemacht, um die Mosuo zu besuchen und zu fotografieren. Das war der Beginn meiner langfristigen Arbeit. Ein weiterer Aspekt ist auch mein eigener familiärer Hintergrund. Wie in der westlichen Gesellschaft insgesamt gibt es auch in meiner Familie viele patriarchale Strukturen. Diese Strukturen erzeugen Ungleichgewicht und oft auch Leid, vor allem für Frauen. Das hat mich persönlich betroffen gemacht und zugleich gesellschaftspolitisch interessiert. Ich wollte verstehen, wie andere soziale Systeme funktionieren – nicht als Idealbild, sondern im gelebten Alltag. In den matriarchalen Gesellschaften, die ich seither besucht habe, habe ich Formen von Zusammenhalt, Verantwortung und Gleichwertigkeit erlebt, die mich tief berührt haben. Diese Erfahrungen haben mich nicht mehr losgelassen. Sie sind der Grund, warum ich mich bis heute mit großer Konsequenz diesen Kulturen widme – fotografisch, dokumentarisch und aus einer inneren Überzeugung heraus.

An der Sptize des Mosuo-Clans in Yunnan, China, steht Ah-mi, die älteste Frau im Haus.
An der Sptize des Mosuo-Clans in Yunnan, China, steht Ah-mi, die älteste Frau im Haus. © Maria Haas
Was zeichnet das matriarchale System aus? 

In diesen Gesellschaften stehen Frauen im Zentrum der sozialen Strukturen. Es sind jedoch keine Herrschaftssysteme, sondern egalitäre Ordnungssysteme, die auf Beziehung, Verantwortung und Ausgleich beruhen. Zentral ist die Mutterlinie: Zugehörigkeit, Name und oft auch Besitz werden über die weibliche Linie weitergegeben. Die Frau bildet das stabile Zentrum der Familie, nicht als Herrscherin, sondern als Halt. Diese Struktur schafft Sicherheit und Kontinuität, insbesondere für Kinder, da ihre soziale Einbettung unabhängig von Paarbeziehungen besteht. Entscheidungen werden gemeinschaftlich im Konsens getroffen, die Verantwortung liegt auf mehreren Schultern. Konflikte werden nicht durch Durchsetzung gelöst, sondern durch Vermittlung mit dem Ziel, Beziehungen wieder in Balance zu bringen. Auch wirtschaftlich stehen Teilen, Gegenseitigkeit und Ausgleich im Vordergrund, nicht Konkurrenz oder Besitzanhäufung. Zusammengefasst zeichnet sich das Matriarchat durch ein anderes Ordnungsprinzip aus: Beziehung statt Herrschaft, Konsens statt Kontrolle, Verantwortung statt Macht. Frauen stehen im Zentrum – nicht, um zu dominieren, sondern um zu verbinden.

Welche Stellung haben die Großmütter als „Hüterin“ der Clans?

Ihre Stellung hat mich besonders bei den Mosuo tief berührt. Die alten Frauen strahlen dort sehr viel Weisheit, Würde und Ruhe aus. Ihre Autorität entsteht nicht durch Macht, sondern durch Erfahrung und gelebtes Wissen. Im Haus hat sie ein eigenes Zimmer. Dieser „Grandmother’s Room“ ist das soziale Zentrum des Hauses. Dort wird gegessen, dort finden Begegnungen und Gespräche statt, und dort schläft die Großmutter. Alles Leben läuft an diesem Ort zusammen. Die Großmutter trägt die Verantwortung für das Gemeinwohl des gesamten Clans, also der ganzen Mutterlinie. Alles fließt in ihre Hände – nicht als Besitz, sondern als Verantwortung. Sie sorgt dafür, dass Ressourcen gerecht verteilt werden und dass niemand übersehen wird. Dabei hat sie keine Besitzansprüche, sondern fungiert eher als Verwalterin im Sinne der Gemeinschaft. Entscheidungen werden im Konsens mit dem Clan getroffen. Die Großmutter wird geachtet, weil sie die Älteste ist, weil sie Erfahrung hat und weil ihr Blick auf das Ganze gerichtet ist. Ihre Rolle zeigt sehr deutlich, dass Führung in diesen Gesellschaften über Fürsorge, Verantwortung und Ausgleich funktioniert. 

Inwieweit sind Männer in matriarchalen  Kulturen „sichtbar“?

Männer sind fest eingebunden, allerdings anders als in patriarchalen Systemen. Entscheidend ist, dass Männer immer in ihrem Mutterclan verankert bleiben. Dort liegt ihre zentrale Verantwortung – nicht im Haushalt einer Partnerin, sondern im eigenen Clan. Auch wirtschaftlich sind Männer aktiv. Sie arbeiten im Mutterclan mit, gehen Berufen nach und tragen zum Familieneinkommen bei. Wenn sie zeitweise im Haus einer Partnerin leben, bedeutet das keine Verlagerung ihrer Hauptverantwortung. Denn auch dort gibt es wiederum Brüder, die für ihren eigenen Mutterclan verantwortlich sind. Verantwortung ist also nicht an Paarbeziehungen gebunden, sondern an die Mutterlinie. Dieses System schafft klare Zuständigkeiten und Stabilität. Männer müssen ihre Rolle nicht über Dominanz oder Kontrolle definieren, sondern über Zugehörigkeit und Verantwortung innerhalb ihres Clans. 

Das letztgeborene Mädchen einer Khasi-Familie wird einmal die Verantwortung für den gesamten Clan übernehmen.
Das letztgeborene Mädchen einer Khasi-Familie wird einmal die Verantwortung für den gesamten Clan übernehmen. © Maria Haas

Gab es Berührungsängste beim Fotografieren? 

Nein, denn ich habe mich immer sehr langsam an die Menschen und an die Situation herangetastet – an die Matriarchinnen ebenso wie an die gesamte Familie. Mir war wichtig, zuerst anzukommen, zuzuhören und Vertrauen aufzubauen. Ich habe erklärt, was ich mache und woher ich komme. Oft wurde ich sofort eingeladen, es gab etwas zu essen oder zu trinken, sehr viel Gastfreundschaft. Ich habe auch häufig kleine Gastgeschenke mitgebracht. Das hat die Situation schnell aufgelockert und Nähe geschaffen. Es gab nur sehr wenige Menschen, die nicht fotografiert werden wollten, und das habe ich selbstverständlich respektiert. Insgesamt habe ich die Offenheit und Herzlichkeit als außergewöhnlich erlebt.

Wie klappt die sprachliche Verständigung?

Auf den meisten Reisen werde ich von meinem Lebenspartner Mario oder meinem Bruder Johannes begleitet. Bei meiner letzten Reise nach Indien war ich allerdings ganz allein unterwegs und habe direkt bei Familien gelebt. Außerdem war ich zeitweise mit einer Videografin unterwegs, die sehr gut Englisch gesprochen hat und mich beim Übersetzen unterstützt hat. Die sprachliche Verständigung erfolgt ansonsten durch Menschen vor Ort, die mich begleiten und übersetzen. 

Gab es Themen, die tabu waren?

Ja, vor allem Gespräche über Sexualität und persönliche Beziehungen waren oft mit einer gewissen Zurückhaltung verbunden. Bei meiner letzten Reise in Indien, habe ich Frauen gezielt zu ihren persönlichen Beziehungen befragt, dabei aber meist nur sehr knappe Antworten erhalten. Mehr Offenheit habe ich bei jüngeren Menschen erlebt. Mit ihnen waren Gespräche über Sexualität, gleichgeschlechtliche Beziehungen und andere, tabuisierte Themen möglich. Für mich war wichtig, diese Grenzen zu respektieren. Nicht jedes Thema muss oder kann von außen geöffnet werden. Mir ging es nicht darum, intime Bereiche zu erzwingen, sondern zuzuhören und wahrzunehmen, wo Offenheit möglich ist – und wo Zurückhaltung Teil der kulturellen Realität ist.

Seit meiner Jugend begleitet mich die Vision einer friedlichen Welt.

Maria Haas

Sind matriarchalische Kulturen friedfertiger?

Aus ihrer Erforschung lässt sich sagen, dass sie friedfertiger organisiert sind. Gewalt ist in diesen Kulturen gesellschaftlich verpönt. Das hängt eng mit ihrer sozialen Struktur zusammen: Es gibt kein institutionalisiertes Machtgehabe. Dominanz, Aggression oder protziges Auftreten gelten nicht als erstrebenswert, sondern stoßen auf soziale Ablehnung. Anerkennung entsteht vielmehr durch Fürsorge, Verlässlichkeit und den Beitrag zum Gemeinwohl. Konflikte sollen nicht eskalieren, sondern durch Vermittlung und Ausgleich gelöst werden. Friedfertigkeit entsteht hier nicht durch Kontrolle oder Zwang, sondern durch soziale Einbindung und klar geteilte Werte.

Bedroht der Einfluss westlicher Ideologien die letzten matriarchalische Systeme? 

Ja, vor allem durch Missionierung, große Religionen sowie durch Internet und Social Media. Bei den Khasi prägt die christliche Missionierung viele gesellschaftliche Vorstellungen, bei den Mosuo wirken buddhistische Einflüsse auf religiöse und kulturelle Praktiken, bei den Minangkabau wiederum ist der Islam Teil des Alltags. Trotz dieser starken äußeren Einflüsse sind diese Gesellschaften sehr widerstandsfähig. Ihre Strukturen sind tief in Beziehungen, Clanwesen und gemeinschaftlicher Verantwortung verwurzelt. Diese tiefe soziale Verankerung verleiht ihnen Stabilität und ermöglicht es, äußere Einflüsse aufzunehmen, ohne die eigene kulturelle Grundlage sofort aufzugeben. Gleichzeitig verändern Internet und Social Media insbesondere bei jüngeren Menschen den Umgang mit Traditionen. Es entsteht Vergleich, Anpassung und manchmal auch Distanz. Dennoch habe ich oft erlebt, dass viele junge Menschen bewusst zu ihrer Kultur stehen, selbst wenn sie von außen infrage gestellt wird. Dieser Prozess zwischen Veränderung und Bewahrung steht auf einer stabilen inneren Basis.

Sie beschreiben am Beispiel der Muxes in Juchitán, dass es auch keine Probleme mit Geschlechtervielfalt gibt…

In Juchitán de Zaragoza habe ich Muxes als selbstverständlichen Teil der zapotekischen Gesellschaft erlebt. Ich habe mehrere Muxes interviewt und fotografiert. Innerhalb ihrer matriarchal geprägten Familien und des lokalen sozialen Gefüges sind sie vollständig akzeptiert und anerkannt. Mit Diskriminierung werden sie lediglich von außen konfrontiert, nicht aus dem eigenen kulturellen System heraus. 

Muxes fotografiert von Maria Haas
© Maria Haas

Wie erleben Sie die modernen Nachkommen der Matriarchinnen? 

In einem Spannungsfeld. Viele junge Menschen sind heute gut ausgebildet, studieren, sind beruflich mobil und stark mit der Außenwelt verbunden. Gleichzeitig sind sie weiterhin tief im Mutterclan verankert. Bildung, Beruf und Social Media haben Einfluss, vor allem durch neue Vergleichsbilder und andere Lebensentwürfe. Das stellt traditionelle Strukturen vor neue Herausforderungen. Gerade bei jungen Frauen habe ich jedoch ein starkes Bewusstsein für ihre Rolle und Verantwortung erlebt. Wie sich das langfristig entwickelt, lässt sich nicht genau sagen – aber die innere Stabilität dieser Systeme ist deutlich spürbar.

Welche Momente haben Sie besonders berührt?

Die Begegnungen mit älteren Frauen, sie kennenzulernen und fotografieren zu dürfen, ihre Würde, Ruhe und Selbstverständlichkeit zu erleben, war für mich etwas ganz Besonderes. Diese Frauen tragen so viel gelebtes Wissen in sich, ohne dass viele Worte nötig sind. Sehr eindrücklich waren auch stille Alltagsmomente. Etwa als ich bei den Mosuo frühmorgens durch ein Dorf ging und in der Dämmerung Männer aus verschiedenen Häusern kommen sah – auf dem Weg zurück in das Haus ihrer Mutter. In solchen Momenten wurde mir die Besuchsehe ganz unmittelbar bewusst. Ebenso berührend waren die Szenen in den Küchen: Familien, die sich nach und nach am Herdfeuer versammeln, gemeinsam kochen, essen, lachen und den Ahnen etwas ins Feuer legen. Auch spirituelle Momente, etwa bei den Monolithen der Khasi, und die große Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen haben mich tief bewegt. Ein unvergesslicher Moment war meine Rückkehr zu den Mosuo im Jahr 2024. Ich durfte mehrere der sehr alten Frauen wiedersehen, die ich bereits 2016 fotografiert hatte – darunter auch die Frau des Titelbildes. Dass ich ihr noch einmal begegnen durfte, hat mich zutiefst berührt.

Infos & Kontakt

www.mariahaas.at
fotografie@mariahaas.at
Instagram: @maria.haas.photo

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