Verena Titze

Neuanfang: Verena Titze über ihr Leben nach Burnout und Alkoholentzug

Die "Niederösterreicherin des Jahres" im Interview

8 Min.

© Nadine Poncioni

Nach Burnout, Depression und Alkoholabhängigkeit hat Verena Titze ihr Leben komplett neu aufgebaut. Heute spricht sie offen über mentale Gesundheit, schreibt Bücher, steht auf der Bühne und macht anderen Mut, Hilfe anzunehmen. 

Alles auf Neuanfang: “Niederösterreicherin des Jahres” Verena Titze im Interview

Es gibt Menschen, die nach einer Krise versuchen, wieder dorthin zurückzukehren, wo sie einmal waren. Und es gibt Menschen, die etwas viel Mutigeres tun: Sie schlagen einen völlig neuen Weg ein – und machen ihre Erfahrungen zu etwas, das anderen hilft. Verena Titze hat genau das getan. Die diesjährige „Niederösterreicherin des Jahres“ hat einen Weg hinter sich, über den viele lieber schweigen würden. Sie hat Krisen erlebt, die sie an ihre Grenzen gebracht haben – Burnout, Depression und Alkoholabhängigkeit. Doch sie hat daraus keine Geschichte des Scheiterns gemacht, sondern eine Geschichte des Neuanfangs. Im Interview erzählt sie von ihren Wendepunkten, ihrer Reise in ein neues Leben ohne Alkohol und warum sie findet, dass man sogar über Burnout lachen darf.

Wenn du heute auf dein Leben zurückblickst: Gibt es einen Moment, den du als Wendepunkt bezeichnen würdest?

Es gibt viele, nicht nur einen. Aber zwei fallen mir sofort ein: Der erste und fast schmerzlichste war der Tag, an dem ich aufgewacht bin und meine Welt zusammengebrochen ist. Spital. Keine Ahnung mehr, wer ich bin, wo ich bin, was passiert. Meine Mama brachte mich ins Krankenhaus, nachdem bei mir einfach nichts mehr ging. Das war der Moment in meinem Leben, in dem nichts mehr war, und auch nichts mehr geblieben ist, wie es war.

Der zweite Moment war am Fuschlsee. Ich war mit einer Freundin wandern und bekam einen Anruf aus dem Spital, bei dem es um meine Bewerbung für den Alkoholentzug ging: „Frau Titze, wenn Sie wollen, wir nehmen Sie nächste Woche auf.“ Ich saß auf einem Hochstand, mir sind die Tränen übers Gesicht gelaufen und ich habe auf diesen glitzernden See geschaut. Das war ein trauriger, aber gleichzeitig erlösender Moment. Ich habe mir dort die Erlaubnis gegeben: Ich gehe jetzt diesen Weg. Ich gehe jetzt raus.

Hast du diesen Moment damals im Sommer 2020 schon als Neuanfang gesehen?

Nein. Eher als den Moment, in dem es kein Zurück mehr gab. Jetzt gehe ich diesen Weg. Spital, Reha, Heilungsreise. Ich wusste es nicht bewusst, aber es war wie: „Jetzt stelle ich mich den Dämonen.“ Das macht sehr viel Angst, aber es ist auch erlösend, weil der Kampf vorbei ist. Der Kampf gegen „Ich habe ja nichts“, „Ich bin ja nicht süchtig“ oder „Ich gebe auf“. Dieser Moment hat sich eingebrannt.

Was hat sich seit deinem Burnout und deiner Abstinenz verändert?

Alles. Ganz viel. Ich bin nicht mehr die von früher, aber natürlich trotzdem noch ich. Viele Menschen von damals sagen heute, sie sehen immer noch die lustige Verena, aber sie ruht mehr in sich. Gerade erst hat jemand über mich gesagt, ich wirke friedlich und angekommen. Das klingt vielleicht nach wenig, ist aber monumental. Früher war ich von Angst zerfressen. Diese Verzweiflung und Unsicherheit waren ein ständiger Teil meines Lebens – Angststörungen, eigentlich eine Depression, die ich nicht erkannt habe, weil ich sie einfach weggetrunken habe. Nach sechs Jahren Therapie, fünfeinhalb Jahren Nüchternheit und dieser ganzen Aufarbeitung bin ich viel stärker geworden. Und ich mag mich mehr. Natürlich gibt es immer noch Selbstzweifel und die Geister der Vergangenheit. Ich glaube nicht, dass irgendwann alles vorbei ist und man einfach nur noch glücklich ist. Aber man kann stabiler werden, zufriedener, glücklicher. Und da bin ich auf einem guten Weg.

Welche Warnsignale hast du damals nicht gesehen oder ignoriert?

Ich habe alles ignoriert. Mir war das alles gar nicht bewusst. Ich hatte die Identität: Ich bin ein wildes Partygirl, ich bin eine Femme Fatale, ich bin ein Arbeitstier. So gehört das eben. Natürlich habe ich mich manchmal gefragt, warum ich schon wieder trinke. Aber zwei Tage später habe ich auch das wieder weggetrunken. Das ist ja auch Teil einer Sucht. Diese komplette Ignoranz. Nicht, weil du keinen Bock hast hinzuschauen, sondern weil du gar nicht anders kannst. Es ist eine Krankheit.

Was war schwieriger: zu erkennen, dass du Hilfe brauchst, oder sie anzunehmen?

Zu erkennen, dass ich Hilfe brauche. Das war der Schlüssel. Monatelang habe ich versucht, alles alleine zu schaffen. Ich habe weitergetrunken, wurde immer verzweifelter und depressiver. Als ich endlich verstanden habe: „Verena, du brauchst Hilfe, du schaffst das nicht alleine“ – da wurde der nächste Schritt leicht. Dann konnte ich die Hilfe auch annehmen.

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Du hast beruflich noch einmal komplett neu begonnen. Woher kam der Mut?

Das weiß ich gar nicht. Wahrscheinlich Schritt für Schritt. Am Anfang war da nur ein Buch. Und dieses Buch war ursprünglich nur ein Tagebuch. Der erste mutige Schritt war, daraus ein Buch zu machen und es in die Welt hinauszuschicken. Und mit jedem mutigen Schritt wird der nächste ein bisschen leichter. Rückblickend bin ich sehr viele mutige Schritte gegangen. Deswegen sind auch so viele Projekte entstanden.

Beim Niederösterreicherin Award hast du betont, dass du deinen Weg als Single gegangen bist. Warum war dir das wichtig?

Weil oft gesagt wird: „Hinter jeder erfolgreichen Frau steht ein Mann.“ Ob ich wollte oder nicht – ich bin diesen Weg allein gegangen. Ich bin allein durch Reha, Arbeitslosigkeit, Depression und Alkoholentzug gegangen. Natürlich hatte ich Familie sowie Freundinnen und Freunde an meiner Seite. Aber keine Partnerschaft. Ich habe mich aus meinem Sumpf alleine herausgeholt. Das hat etwas Trauriges und Einsames, aber gleichzeitig auch etwas unglaublich Befreiendes und Bestärkendes. Diese Stärke kann mir niemand mehr nehmen.

Wozu sagst du heute Nein, wo du früher Ja gesagt hättest?

Zu ganz vielen Dingen. Ich höre viel mehr auf meinen Körper. Wenn ich merke, ich möchte abends nicht zu einem Event gehen, obwohl ich zugesagt habe, dann sage ich heute auch ab. Ich kann viel besser Grenzen setzen. Ich denke, das ist etwas, das viele Alkoholiker, und speziell Frauen, gemeinsam haben: Man sagt nicht Nein, um sich anzupassen. Dabei tut man sich selbst weh. Heute sage ich deutlich öfter Nein als früher.

Warum hast du dich dazu entschieden, öffentlich über mentale Gesundheit und Sucht zu sprechen?

Weil es hilft. Und weil wir viel zu wenig darüber sprechen. Wir beschämen Menschen mit Suchterkrankungen. Wir beschämen Menschen mit Depressionen oder Burnout. Es wird besser, aber es gibt immer noch unglaublich viel Scham. Solange das so ist, leiden Menschen unnötig. Sie holen sich keine Hilfe, verstecken sich und trinken sich vielleicht eher zu Tode, als in eine Reha zu gehen. Für mich war der Schritt in die Reha so schmerzhaft, weil er gesellschaftlich immer noch stigmatisiert ist. Dabei war ich keine Versagerin, weil ich in die Reha gegangen bin. Ich war eigentlich die Gewinnerin. Deshalb ist diese Arbeit für mich so wichtig.

Du bekommst viele Nachrichten von Betroffenen. Was berührt dich besonders?

Heute hat jemand unter ein Video geschrieben: „Dank Verena bin ich jetzt zwei Jahre nüchtern.“ Und ich denke mir: „Was? Dieser Mensch hat meine Videos entdeckt und ist heute nüchtern?!“ – Solche Nachrichten bekomme ich oft. Oder Menschen schreiben mir, dass meine Videos sie dazu gebracht haben, sich Hilfe zu holen oder in die Reha zu gehen. Das berührt mich jedes Mal.

In deinem Kabarett näherst du dich diesen Themen mit Humor. Warum funktioniert das so gut?

Ich glaube, fast alles funktioniert besser mit Humor. Gerade diese Themen sind sehr sensibel. Humor ist einer meiner Zugänge. Auch meine Keynotes oder mein Podcast haben immer eine Prise Humor und viel Wohlwollen. Im Kabarett sitzen die Menschen da, hören zu und lachen. Und ich glaube, dadurch können sie schwierige Themen besser annehmen. So erreicht man auch Menschen, die das vielleicht sonst gar nicht hören wollen würden.

Darf man über Burnout, Depression und Sucht lachen?

Ja, sicher. Ich kann über mich lachen. Es gibt natürlich eine Grenze. Humor, der andere Menschen heruntermacht, ist nicht in Ordnung. Aber über die eigenen Erfahrungen zu lachen – warum nicht? 

Wenn du der Verena von vor zehn Jahren eine Nachricht schicken könntest – welche wäre das?

„Hör jetzt auf zu trinken!“ Ich glaube, dann hätte ich diese Reise früher angetreten.

Was hast du auf dieser Reise über dich selbst gelernt?

Dass ich offenbar mutiger bin, als ich denke. Ich höre ständig, wie mutig ich bin, aber ich selbst sehe das oft gar nicht so. Ich neige dazu, meine Erfolge kleinzureden. Deshalb bedeutet mir auch die Auszeichnung als Niederösterreicherin des Jahres so viel. Sie ist ein klares Zeichen: „Verena, du darfst an dich glauben. Du darfst wertschätzen, was du erreicht hast.“ Denn ganz oft glaube ich selbst nicht an mich – egal, wie mutig ich eigentlich bin.

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