
© Ingo Pertramer
Warum man das Campen nicht lieben muss, um Pia Hierzeggers „Altweibersommer“ zu genießen, und wie sie den 100 ersten Begegnungen mit 100 Männern bei den Wiener Festwochen entgegenblickt.
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Auf dem Lenkrad klebt ein „Atomkraft? Nein danke“-Pickerl, aus den Boxen dröhnt Lena Lovichs „Rocky Road“, und im nächsten Moment schlüpfen Astrid, Elli und Isabella durch den Plüschinsektenvorhang ins beengte Innenleben eines beigen Wohnwagens – der Mädelsurlaub kann beginnen! Bloß ist das Trio nicht mehr in den 20ern, und das Abenteuer will intervallfastend nach einer Chemo und mit dem Frust einer unerfüllten Schauspielkarriere nicht so richtig in Fahrt kommen. Als es auch noch zu schütten beginnt, droht der traditionelle Campingurlaub der drei Freundinnen um die 50 böse zu enden.
Da lässt Pia Hierzegger ihren Heldinnen einen Schatz zukommen, der mit einem Hauch krimineller Energie aus einer unerwarteten Ecke den Trip in völlig neue Bahnen lenkt. Mit „Altweibersommer“ hat sie ihr Tun um eine weitere Facette erweitert: Pia Hierzegger schrieb nicht nur das Drehbuch, sie führte erstmals auch Regie. Zudem spielt sie an der Seite von Ursula Strauss (Astrid) und Diana Amft (Isabella) die dritte im Bunde, Elli.
Kinostart ist am 4. April, schon das Vorabsehen am Laptop für diesen Artikel war ein Vergnügen. Die Euphorie für die mitreißende vielschichtige Komödie trübte das Urteilsvermögen der Autorin dieser Zeilen aber klar im Hinblick auf die erste Location.
Pia Hierzegger im Interview
Super Sache, dass der Film am Campingplatz beginnt – ich bin leidenschaftliche Camperin.
Pia Hierzegger: Aso? Ich nicht!
Oh, wieso startest du am Campingplatz?
Ich hatte die Vorstellung, dass die Freundinnen als junge Frauen gerne einen Campingwagen gemietet haben, weil sie wenig Geld hatten und es damals noch mochten, ganz nah zusammen zu sein. Aber ich denke heute: eine Strafe! Warum soll ich im Urlaub schlechter schlafen als zuhause?! (lacht)
Den Campingplatzwart Gernot spielt Josef Hader. Ihr habt schon viele Projekte gemeinsam gemacht. Könnt ihr das gut, das Private und das Berufliche trennen bzw. verbinden (Anm. Josef Hader und Pia Hierzegger sind liiert)?
Wir sind füreinander automatisch auch künstlerische Beratung, wie wenn man fragt: Wie kochst du das? – So unterhalten wir uns, weil unsere Arbeit ja nicht fertig ist, wenn wir nach Hause kommen. Wir machen viele Projekte getrennt, mit dem Theater im Bahnhof in Graz arbeite ich sogar in einer anderen Stadt, so dass man sich schon freut, wenn man sich wenigstens in einem Film sieht (lacht).
Wie entstand die Idee zu „Altweibersommer“?
Aus der Lust, über Frauenfreundschaften zu erzählen, speziell über die Konstellation mit drei Frauen, weil es das in meinem Umfeld oft gibt. Am Theater arbeite ich oft gemeinsam mit meiner Schwester und einer Freundin an Stücken, und ich habe zwei Freundinnen, mit denen ich morgen nach Warschau fahre.
Wie hast du die Regiearbeit erlebt?
Es war sehr lehrreich zu sehen, wie viel Arbeit hinter einem Film abseits des Spielens steckt. Die Regiearbeit fängt viel früher an, und nach der Drehzeit geht’s noch mal ewig weiter für Schnitt, Ton, Mastering … Es ist schön, ich habe es nur ein bisschen unterschätzt. Aber ich arbeite gerne in der Gruppe und hatte das Gefühl, dass das Team hinter mir steht und dass alle zusammenhelfen, damit der Film so gut wie möglich wird.
Drei ganz unterschiedliche Charaktere – und eine Freundin hat Brustkrebs. Ich finde es schön, welchen Raum du Elli dafür gibst.
Wichtig war mir: Elli ist nicht die Krankheit, Elli hat eine Krankheit. Es ist nicht das Hauptthema, aber es gehört auch zu ihr dazu. Als ich das Drehbuch geschrieben habe, erkrankten plötzlich leider viele Menschen in meinem Umfeld, und ich habe gemerkt: Krankheit wird ab einem gewissen Alter Teil des Lebens – mehr als vorher.
Elke Heidenreich schreibt in ihrem genialen Buch „Altern“ sinngemäß: Wenn Frauen sich ab einem gewissen Alter unsichtbar fühlen, liege das auch an ihnen. Selbstbewusstsein könne man trainieren, findet sie. Geht das?
Es hat schon einen Grund, warum ich diese Geschichte erzähle. Ich habe festgestellt, dass sich die Rollen ändern. Das ist logisch: Wenn junge Menschen nachkommen, schreiben sie über Gleichaltrige, und dann gibt es für meine Generation viele Mutterrollen. Wenn Männer schreiben, sind oft Männer die Hauptfiguren und Frauen sind Gattinnen. Ich kann dem schon was abgewinnen, dass man selber tun muss und nicht auf die Veränderung wartet. Aber man muss auch in der Position sein. Hätte man dieses Drehbuch beispielsweise nicht für förderungswürdig gehalten, gäbe es diese drei Frauenfiguren nicht. Es gehört wahrscheinlich Mut, Selbstbewusstsein, Disziplin, aber auch sehr viel Glück dazu.
Es gibt wenig Sachen, die mir gefallen, wenn
Pia Hierzegger, Schauspielerin, Drehbuchautorin, Regisseurin
sie komplett humorlos sind.
Astrid, Elli und Isabella brechen aus ihren Mustern aus. Haben sie dich womöglich inspiriert?
Ich versuche, weniger zu planen. Dieses völlige Verplantsein kommt eigentlich aus einer Angst vor dem Nichtwissen, aus einer Unsicherheit. Ich glaube, dass es schwierig ist, von Sekunde zu Sekunde zu entscheiden, aber es kann auch entlastend sein. Ich wohne in Wien und in Graz, da muss ich planen, aber ich will es weniger tun.
Du bist seit Jahren auch als Drehbuchautorin erfolgreich. Kürzlich wurde dein Landkrimi „Bis in die Seele ist mir kalt“ ausgestrahlt – super spannend und gleich preisgekrönt, obwohl du selbst nicht gerade Krimifan bist …
Ich habe wenig kriminelle Energie, es würde mich beim Schreiben auch kein ausgeklügelter Mord interessieren, wenn man nur jemanden loswerden und das vertuschen will. Mich interessieren die Konstellationen, warum etwas passiert, warum jemand in die Enge getrieben wird.
Du spielst selber viel Theater und Film, was magst du daran jeweils?
Am Theater mag ich, dass es so unmittelbar ist. Ein Beispiel: Aufgrund der aktuellen politischen Situation haben wir im Theater im Bahnhof den Frühjahrsplan geändert und machen eine improvisierte Serie über den Familienbetrieb Gas Toni, dessen Mitglieder sich über den Erfolg der FPÖ bei den letzten Nationalratswahlen gefreut haben. Ich war dort kürzlich eine Gastfigur; ich habe mir angehört, was sie spielen, und habe meine Figur dann mit dem Publikum erarbeitet. Das macht sehr viel Spaß, das ist ein bisschen wie Urlaub.
Faszinierend, wo du sonst – wie du sagst – eher eine Planerin bist …
Das Improvisationstheater gibt es seit den 1990ern. Anfangs habe ich mich „ohne Netz“ kaum auf die Bühne getraut. Aber heute mag ich das sehr, weil ich viel Vertrauen zu den Menschen dort habe, mit denen ich Humor und eine gewisse gesellschaftliche Haltung teile. Mit Theater kannst du sofort auf die Welt reagieren, Film ist im Vergleich träger. Aber wenn du genau beobachtest und beschreibst, werden die Geschichten auch allgemeingültiger. Vielleicht wäre „Altweibersommer“ etwas ungemütlicher geworden, hätte ich den Film jetzt gemacht – wir haben 2023 gedreht –, aber vielleicht schaut man sich das genau deswegen gerne an, weil mal nicht alles so schiarch ist.
Macht es dir Sorgen, dass die Welt rauer geworden ist?
Ja, schon. Die letzte große Umwälzung war Ende der 1980er, aber da hatten wir das Gefühl – auch wenn sich das teilweise nachher anders herausgestellt hat –, dass alles gut wird. Aber jetzt werden plötzlich alte Muster und Dinge, auf die man sich verlassen konnte, verändert. Es werden Spielregeln missachtet. Es beängstigt mich, dass plötzlich Dinge wie Klimaschutz keinen Platz mehr haben. Ich habe eine Grundzuversicht, dass wir auch darin Lösungen finden. Ganz geheuer ist es mir trotzdem nicht, weil ich denen, die an der Macht sind, ob das jetzt Putin oder Trump ist, nicht traue.
Ab 28. Mai begegnest du Protagonist:innen, die du noch nicht kennst: Die Wiener Festwochen casten 100 Männer für „The Second Woman“ mit dir. Was wird dabei passieren?
Das Projekt haben zwei australische Regisseurinnen (Nat Randall und Anna Breckon, Anm.) entwickelt, es wurde schon in mehreren Städten aufgeführt: Eine Schauspielerin trifft nacheinander mit derselben Szene auf 100 verschiedene Männer – von 18 bis 18 Uhr.
Ich würde nie Bungeejumpen, aber den Thrill auf der Bühne mag ich.
Pia Hierzegger zum 24-Stunden-Bühnenprojekt
Du spielst 24 Stunden durch?
Bis auf kurze Pausen zum Essen und um auf die Toilette zu gehen, ja. Das Publikum kann raus- und reingehen. Ich bin schon neugierig. Aber ich plane ja nicht mehr, vielleicht schlafe ich auch ein (lacht).
Was reizt dich daran?
Ich spiele sehr gerne Sachen auf der Bühne, für die es zwar Spielregeln gibt, aber die inhaltlich teilweise noch offen sind. Ich bin eigentlich ein relativ ängstlicher Mensch: Ich würde nie Bungeejumpen, ich mag keine hohen Geschwindigkeiten, aber diesen Thrill auf der Bühne mag ich.
Welche Bedeutung hat Humor für dich?
Humor hat in meiner Familie immer eine wichtige Rolle gespielt, meine Eltern haben uns schon früh Qualtinger vorgespielt. Es gibt wenig Sachen, die mir gefallen, wenn sie komplett humorlos sind. Ich mag keinen Humor auf Kosten anderer oder wenn er zu brutal ist, am interessantesten finde ich es, wenn man über sich selber lachen kann und wenn man sich hinstellt und sagt: Ihr könnt jetzt über mich lachen.
Wenn wir die Welt verbessern wollen, wie können wir deiner Meinung nach vor der Haustür ansetzen?
Wir müssen zuhören und nicht immer glauben zu wissen, was der oder die andere denkt. Am besten lernen wir, wenn wir aus den eigenen Biotopen ausbrechen und versuchen, Leute zu verstehen, die in anderen Lebensumständen andere Erfahrungen haben. Auch was die aktuelle Regierung betrifft: Es sollte nicht darum gehen, wer am meisten durchbringt, sondern dass man sich mit Leuten zusammenrauft, die anderer Meinung sind, um Lösungen zu finden. Darum geht es auch in „Altweibersommer“: Drei Menschen mit verschiedenen Interessen müssen zusammen einen Urlaub verbringen. Das ist schwer genug und auf die Welt bezogen – wie eine gute Freundin von mir immer sagt – besonders schwierig.