
Katrine Eichberger im Interview über ihr Projekt „Draussen die Welt“
Ein Film, der das sozial relevante Tabu "Agoraphobie" auf die Leinwand bringt.
© Nuno Martini
Die mehrfach international ausgezeichnete Schauspielerin und Filmemacherin Katrine Eichberger aus Ternitz widmet sich in ihrem neuesten Film dem Thema Angststörungen. Warum? Weil sie aus eigener Erfahrung weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Leben plötzlich auf den Kopf gestellt wird, und die Welt da draußen so nah und doch so unerreichbar scheint. Agoraphobie, Millionen Menschen sind davon betroffen. Grund genug, dieses sozial relevante Tabu auf die Leinwand zu bringen.
Katrine Eichberger spricht über Panikzustände und ihren neuen Film
Ob im Winter bei Eiseskälte in voller Montur in die stürmische Nordsee zu springen oder in anderen Stunts ihre Grenzen zu überwinden: für die leidenschaftliche Schauspielerin ist jede neue Rolle, die sie erarbeitet, eine Bereicherung. Geht es doch darum, emotionale Höhen und Tiefen zu durchschreiten, gewohnte Komfortzonen zu verlassen, das Unsichtbare, in der Seele Verborgene, sichtbar zu machen, Neues zu entdecken. Einen besonderen Platz jedoch nimmt die Rolle der „Liz“ in ihrem neuesten Film DRAUSSEN DIE WELT ein, weil „sie so lange bei mir war und weil ich mit ihr durch sehr schwierige Phasen meines Lebens gegangen bin, aber auch mit ihr und durch sie, zusammen mit meinem Partner, dieses Projekt auf die Beine gestellt habe.“
Worum geht‘s?
Der Spielfilm erzählt die Geschichte von Liz, die an Agoraphobie leidet. Liz hat Angst vor der Außenwelt und fürchtet sich davor, ihre Wohnung zu verlassen. Dann ändert eine Hochzeitseinladung plötzlich alles. Liz muss sich entscheiden, ob sie weiterhin in ihrem physischen, aber auch emotionalen Gefängnis bleiben oder den ungewissen, aber vielversprechenden Schritt in die Welt da draußen wagen möchte. Und sie wagt den Schritt …

Katrine Eichberger im Interview
Katrine, du sagst, dass du „Liz“ sehr dankbar bist. Wie viel Liz ist in dir?
Ich glaube, dass man immer Parallelen einer Rolle, aber auch bei anderen Menschen, zu sich selbst findet. Das macht vielleicht auch Empathie aus – Einfühlungsvermögen und Ähnlichkeiten entdecken, trotz vorhandener Unterschiede. Die Parallelen zu Liz waren für mich jedoch besonders prägnant, weil ich 2014 das erste Mal selbst mit schweren Panikzuständen konfrontiert war, die mich quasi lahmgelegt haben. Alltägliches wurde zu einer großen Herausforderung. Das ist alles sehr schwer in Worte zu fassen und vermutlich auch schwer zu verstehen, wenn man es nicht schon einmal selbst erlebt hat. Man kann nicht mehr rational denken.
Ich bin zu meinen Eltern zurückgezogen, die mir großartig durch diese Zeit geholfen haben. Auch mein Partner Nikolas Mühe, mit dem ich damals frisch liiert war, war immer für mich da und ist mir zur Seite gestanden. Ein halbes Jahr lang ging gar nichts mehr und ich habe mich morgens oft gefragt, wie ich den Tag überstehen soll. Auch dass ich in meiner heftigsten Phase nicht mehr unter Leute, in Gesellschaft und auf öffentliche Plätze gehen konnte, kenne ich sehr gut. Ich kann mich noch sehr lebendig daran erinnern, wie ich meine Nägel in meine Oberschenkel gebohrt habe, als ich auf dem Weg zum Flughafen oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln saß. Dann ging es langsam und schrittweise wieder bergauf.
Wie hast du es geschafft, dich aus der damaligen Einsamkeit der Agoraphobie zu befreien?
Für mich waren vor allem meine täglichen Waldspaziergänge mit unserer Hündin Maggie sehr heilsam. Manchmal bin ich sogar zweimal täglich für mehrere Stunden losmarschiert – ohne Handy, ohne Ziel, einfach in den Wald, in die Ruhe, in die Natur, in die Stille. Auch heute noch ist der Wald mein persönlicher Zufluchtsort, wohin ich mich zurückziehe, um runterzukommen, mich zu erden und zu heilen.
Wichtig war auch, mir für jeden Tag eine kleine, bewältigbare Aufgabe zu setzen. So habe ich das Kinderbuch „Der kleine Marienkäfer Willi“, das mein Partner geschrieben hat, illustriert. Es tat mir gut, mit meinen Händen zu arbeiten und dann das unmittelbare, fertige Resultat in Händen zu halten: Das hab ich gemacht. Das hab ich heute geschafft. Es war auch eine Zeit, um mich mit wichtigen Themen auseinanderzusetzen, für die ich mir bisher nie Zeit genommen hatte, wie z.B. Beziehungen, meine Kindheit und meinen Beruf.
Ich hatte einfach immer weitergemacht, weiter funktioniert. Dann hat sich meine Psyche die Zeit, die sie brauchte, dafür genommen. Natürlich war das erstmal ganz schön heftig, aber man kann es trotz allem als Geschenk betrachten, weil man dabei eine Menge lernt: Geduld, Akzeptanz, Loslassen, sich für sich selbst und seine Gesundheit Zeit zu nehmen. Darüber hinaus hatte ich das Glück, ganz viel Liebe, Wärme und bedingungsloses Dasein von meiner Familie und meinem Partner zu erfahren.
Hast du in der Rolle der Liz auch schmerzhafte Flashbacks deiner eigenen Geschichte erlebt?
Generell kennt man es ja, dass man als Schauspielerin durch sehr intensive Emotionen geht, was für mich ein spannender Teil des Berufs ist. In diesem Fall hatte ich jedoch im Vorfeld großen Respekt vor den Panikszenen, da ich diese selbst schon über lange Zeiträume hinweg erlebt habe. Beim Dreh war es dann aber absolut okay für mich, zum einen, weil ich mich gut genug von Liz‘ Panik abgrenzen konnte, und zum anderen, weil mein Kopf jeden Tag mit so vielen Dingen voll war.
Wobei, irgendwie war es damals auch eine Art Dauerpanik, aufgrund der großen Herausforderung, diesen Film komplett selbst umzusetzen und alles gut hinzubekommen. Wir hatten ja auch hohe Ansprüche an uns selbst, einerseits hinsichtlich des künstlerisch-technischen Aspekts, andererseits war es uns auch wichtig, dass sich alle im Projekt wohl, respektiert und wertgeschätzt fühlten.
Schwere Panikzustände haben mich quasi lahmgelegt. Alltägliches wurde zu einer großen Herausforderung.
Katrine Eichberger
Für die Recherche zu diesem Film hast du dich auch an Betroffene dieser Angststörung gewendet. Wie hast du diese Menschen erlebt, was hat dich überrascht?
Ich war zutiefst berührt und dankbar, dass diese Menschen mir einen Einblick in ihr Leben gewährt haben und wie offen sie sehr persönliche Geschichten mit mir geteilt haben. Überrascht hat mich, wie fröhlich und lebenslustig diese Menschen sind, die gerne plaudern, gerne arbeiten und gerne rausgehen möchten, es aber nicht können. Auch wie schlecht das Sozialsystem darauf noch immer ausgelegt ist, hat mich überrascht.
Eine Frau erzählte mir zum Beispiel, dass sie jahrzehntelang als Chefsekretärin eines großen Unternehmens gearbeitet und ihre Angststörung zehn Jahre lang mit Tabletten in Schach gehalten hatte. Irgendwann hörten diese jedoch auf zu wirken, sodass sie zuhause gefangen war. Ihr Chef musste sie schweren Herzens kündigen, da er sie vor Ort brauchte. Daraufhin bekam sie Probleme mit dem Arbeitsamt, weil sie als Arbeitsverweigerin galt. Das war jedoch vor Corona. Auch die Therapien sind ein Problem: Wie soll man zu den Therapeuten gelangen, wenn man die Wohnung nicht verlassen kann? Es gibt so viele Herausforderungen bei dieser Erkrankung, an die man als gesunder Mensch gar nicht denkt.
Du hast dieses einfühlsame Drama gemeinsam mit deinem Lebenspartner Nikolas Mühe geschrieben. Wie hat sich eure Zusammenarbeit gestaltet?
Es war eine sehr intensive Zusammenarbeit, bei der wir alle Entscheidungen gemeinsam getroffen haben. Das Wichtigste war vermutlich die detaillierte, mitunter nervenaufreibende Vorbereitung. Das war notwendig, weil ich beim Dreh permanent vor der Kamera stand und aus Zeitgründen nicht immer die Möglichkeit hatte, mir den Take anzuschauen. Für eine Partnerschaft wie unsere, die ja nicht nur beruflich ist, bedeutet das, dass es quasi permanent um die Arbeit geht, zumindest in der „heißen Phase“, egal ob spät abends oder am Wochenende.
Und natürlich gab es auch Reibungen, da wir oft unterschiedliche Vorstellungen hatten. Das Schöne war jedoch, dass wir immer eine Lösung fanden, mit der wir beide zufrieden waren und die das Beste für das Projekt war. Es war eine Herausforderung, alles zu zweit zu entscheiden, aber ich hätte es mir für dieses Projekt auch nicht anders vorstellen können. Mit Nikolas hatte ich einen Partner, dem ich absolut vertraue und der den Weg mit mir bis zum Ende geht – dafür bin ich unendlich dankbar. Zudem ergänzen wir uns hervorragend: Ich bin eher quirlig, mit vielen neuen und manchmal verrückten Ideen, während er den klaren Kurs verfolgt und das Ziel im Blick behält.
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Mehr InformationenZwischen 4,6 und 12 Millionen Menschen leiden in Deutschland laut WHO und dem Institut für moderne Psychotherapie unter einer Angststörung. Man geht davon aus, dass vier Prozent der Weltbevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben an Agoraphobie leiden. Warum ist dieses Thema immer noch ein Tabu?
Da gibt es viele Gründe, denke ich: Weil diese Menschen oft am gesellschaftlichen Leben nicht teilnehmen können und dadurch unsichtbar sind. Weil man die „kranke Seele“ nicht sieht, wie z.B. ein gebrochenes Bein. Weil die Welt darauf ausgelegt ist, dass Menschen im (Arbeits-)Alltag funktionieren. Weil wir gewohnt sind, an Altem festzuhalten und zu verdrängen. Weil es noch darum geht, tough zu sein. Weil man vieles erst versteht, wenn man es selbst erlebt hat…
Was wünschst du dir für euren Film?
Dass unser Film ein großes Publikum findet, um Menschen zu berühren und zu inspirieren. Dass er einen Anstoß dafür gibt, dass man sich als Betroffene bewusst wird, dass es immer auch Menschen gibt, die da sind und helfen wollen. Dass es immer auch Hoffnung gibt, den Weg zurück ins Wohlbefinden. Und natürlich soll unser Film auch unterhalten und Spaß machen.
Derzeit befindet sich der Film in der Postproduktion. Wann werden wir ihn sehen können?
Zunächst reichen wir unseren Film bei Festivals ein. Das könnte auch ein Sprungbrett für alles Weitere sein, wie z.B. die Kinoauswertung, die wir uns wünschen. Parallel sind wir deshalb auch auf der Suche nach einem Film-Verleiher und Weltvertrieb. Sobald es Neuigkeiten gib, posten wir das auf unserer Instagram-Seite @draussen_die_welt, wo wir uns immer sehr über neue Follower und Support freuen.
Eine mutmachende Botschaft als guten Abschluss dieser Thematik?
Nichts ist für immer und das ist durchaus etwas Positives. Was kommt, kann auch wieder gehen. Es gibt immer Hoffnung und Licht.
ABOUT
Auf heimischer Bühne ist uns Katrine Eichberger u.a. von den Sommerfestspielen Reichenau bestens bekannt. Ihr Regie-Debüt feierte sie 2022 mit dem Kurzfilm „The Origin“. Im selben Jahr erlebte der Spielfilm „Die Farbe des Chamäleons“ seine Festival-Premiere auf den Hofer Filmtagen, wobei sie nicht nur eine Hauptrolle spielte, sondern auch als Co-Produzentin fungierte. Unter den vielen Rollen als Schauspielerin glänzte sie im Kinofilm „Ellbogen“, der 2024 seine Premiere auf der Berlinale feierte, im ungarisch-deutschen Spielfilm „The Last Image“ oder im Tatort Köln. Für ihre Titelrolle im englischsprachigen Spielfilm „Edda Tudor“ wurde sie von den Los Angeles Film Awards als „Best Actress in an Indie Film“ ausgezeichnet, um nur eine zu erwähnen. In DRAUSSEN DIE WELT ist sie zusammen mit ihrem Partner Nikolas Mühe u.a. für die Departments Drehbuch, Regie und Produktion verantwortlich.