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Janine Hickl: Die Sängerin, Schauspielerin & Tänzerin im Interview

Internationaler Erfolg

9 Min.

Benkin Headshots

Sie ist Sängerin, Schauspielerin und Tänzerin: Janine Hickl. In eigenen Produktionen holt sie die Musik der großen Diven vergangener Jahrzehnte sowie deren Lebensgeschichten auf die Bühne, um sie dem Vergessen zu entreißen und ihnen ein Denkmal zu setzen. Mit internationalem Erfolg.

Vergangenheit, die weiterklingt: Janine Hickl im Talk

Janine Hickl ist eine multidisziplinäre Künstlerin, die mit ihrer Produktion “DIVAS – Les Grandes Dames de la Chanson” das Publikum begeistert. Dabei verbindet sie Musik, Schauspiel und Tanz und erzählt in ihren musikalischen Porträts von den Biografien dieser großen Künstlerinnen. Von Édith Piaf, Marlene Dietrich und Hildegard Knef über Cissy Kraner bis hin zu Trude Herr spannt sie den Bogen von den 1920er- bis in die 1970er-Jahre – mit eigens arrangierten Interpretationen von Bernd Leichtfried am Klavier und Maria Boneva an der Violine. Ein Programm als Hommage an außergewöhnliche Frauen und deren Stärke – doch es gibt noch viel mehr zu berichten. Ein Talk.

Janine, was fasziniert dich am Chanson-Repertoire der großen Diven?

Vor allem die Ehrlichkeit und Intimität der Texte und die Verbindung von Sprache und Musik. Jedes Chanson hat seine eigene Geschichte und eröffnet einen unmittelbaren Zugang zu den Emotionen eines Menschen. Wenn man bedenkt, in welcher Zeit viele dieser Lieder entstanden sind, beeindruckt mich besonders der Mut der Interpretinnen, so persönliche Themen öffentlich zu machen.

Hat dich in der intensiven Beschäftigung mit ihnen etwas besonders überrascht?

Ja, besonders wie mutig, zielstrebig und stark viele dieser Frauen waren. Sie waren Persönlichkeiten, die sich gegen gesellschaftliche Erwartungen gestellt, ihre Karrieren selbst in die Hand genommen und sich ihre Freiheit hart erkämpft haben. Gleichzeitig hat mich überrascht, wie oft sich hinter den scheinbar unantastbaren Diven sehr verletzliche Charaktere verbargen. Gerade dieses Spannungsfeld zwischen der öffentlichen Persona und der Person “hinter den Kulissen” finde ich spannend.

Hattest du je das Gefühl, die Lieder könnten “altmodisch” wirken?

Natürlich gibt es musikalische Unterschiede zwischen der Art und Weise, wie Musik damals und heute geschrieben und produziert wird. Aber die Emotionen dahinter sind zeitlos. Herzschmerz hat sich seit den 1930er- und 40er-Jahren schließlich nicht wesentlich verändert. (lacht) Ich suche nach Musik, die etwas erzählt und nicht nur möglichst schnell konsumiert wird. Der Trend geht oft in eine andere Richtung, aber ich glaube, dass ich mit diesem Wunsch nicht allein bin. Ein gutes Chanson kann Jahrzehnte überdauern, wenn es emotionale Punkte berührt, die unabhängig von Mode und Zeit funktionieren.

Chanson & More

In ihren Produktionen erzählt Janine Hickel Geschichten, die bleiben.

Was kann Chanson oder Swing vielleicht besser als moderne Musik?

Ich würde nicht sagen, dass sie etwas “besser” können. Diese Genres erzählen nur auf eine andere Art und Weise. Gerade im Chanson gibt es viel Raum für Persönlichkeit, Interpretation und Geschichte. Ein einziges Lied kann wie ein kleines Theaterstück funktionieren. Und Swing hat diese wunderbare Verbindung aus Leichtigkeit, positiver Energie und Miteinander. Man tanzt zu Musik, die aus einer Zeit stammt, in der gesellschaftlich sehr vieles im Umbruch war. Für mich ist das eine Erinnerung daran, dass Freude gerade dann wichtig ist, wenn es im Außen schwierig ist.

Du hast auch das Monodrama “Nothing in Between – The Simple, Complicated Life of Hedy Lamarr” geschrieben und spielst es international. Warum gerade Hedy Lamarr?

Hedy Lamarr wurde jahrzehntelang als “die schönste Frau der Welt” wahrgenommen, sexualisiert und, wie so viele Frauen damals, in ein bestimmtes Rollenbild gedrängt. Dabei war sie eine außergewöhnlich intelligente, neugierige und visionäre Frau. Sie wollte nichts mehr, als gesehen und ernst genommen zu werden. Selbst als sie gemeinsam mit George Antheil das Frequenzsprungverfahren entwickelte, bekam sie keine Anerkennung. Die Bedeutung ihrer Leistung wurde erst Jahrzehnte später gewürdigt. Ich glaube, dass sich viele in dem Stück wiederfinden können – in dem Wunsch nach Selbstbestimmung, Anerkennung und dem Streben nach Glück. Wenn ich damit dazu ermutigen kann, den eigenen Weg zu gehen und sich selbst treu zu sein, habe ich schon eine kleine Mission erfüllt.

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NOTHING IN BETWEEN. Mit ihrer Eigenproduktion über das Leben der Hedy Lamarr begeistert Janine Hickl in Europa, Amerika, England und Ägypten. © Anna Franziska Tiller
Die gebürtige Wienerin war umschwärmter Hollywood-Star und zugleich Erfinderin. Wie hast du dich dieser faszinierenden Frau angenähert?

Ich habe viel recherchiert und unterschiedliche Perspektiven miteinander verbunden. Als Schauspielerin interessiert mich nicht nur, was eine Person getan hat, sondern auch, was sie angetrieben und geprägt hat. Gerade über Hedy Lamarr gibt es viele widersprüchliche Geschichten. Für das Stück musste ich mich deshalb auf jene Version konzentrieren, die mir am schlüssigsten erschien. Ich glaube, dass jeder Mensch unterschiedliche Eindrücke hinterlässt – je nachdem, wer uns begegnet und aus welcher Perspektive jemand auf uns schaut, entsteht ein anderes Bild. So ist es auch bei Hedy.

Wurden diese Künstlerinnen zu reduziert wahrgenommen?

Ja, das ist für mich ein zentraler Punkt meiner Arbeit. Gerade Frauen wurden häufig über ihr Äußeres definiert. Spannend finde ich das, was dazwischen liegt: Widersprüche, Zweifel und Sehnsüchte.

Dein Stück wurde in New York, London, Spanien und Ägypten aufgeführt. Wie fühlt es sich an, mit der eigenen Produktion international unterwegs zu sein?

Es ist ein unglaublich schönes Gefühl – eine Mischung aus Freude, Stolz, Aufregung, Demut und Surrealität. Vor allem, weil man mit einer sehr persönlichen Arbeit plötzlich in einem völlig anderen kulturellen Kontext steht. Neben den Herausforderungen auf der Bühne gibt es natürlich auch organisatorische Hürden, die man überwinden muss. In London und New York wurde das Stück teilweise anders aufgenommen als in Ägypten oder anderen Teilen Europas. Verschiedene Aspekte aus Hedys Biografie berühren die Menschen auf unterschiedliche Weise und manche Reaktionen waren sehr intensiv. Da wir wichtige Meilensteine ihres Lebens auch durch Lieder aus der Zeit erzählen, finden spätestens dort alle zusammen. Es ist immer wieder schön zu erleben, was Musik bewirken kann und wie sie Menschen über Grenzen hinweg verbindet.

Was erwartet das Publikum, wenn es einen deiner Abende besucht?

Ich hoffe vor allem, dass man für einen Moment lang in eine andere Welt eintauchen und all seine Sorgen vergessen kann. Bei “Divas” geht es um die Chanson-Diven und ihre Lebensgeschichten. In einer humorvollen Handlung führen wir durch 20 Jahre Chansons und erzählen von der Welt hinter den Kulissen. “Nothing in Between” ist wiederum viel intimer. In diesem Stück schlüpfe ich in die Rolle von Hedy Lamarr. Hier begleitet mich ein Musikduo aus Klavier und Cello, mit dem wir die Meilensteine ihres Lebens unterstreichen. Während “Divas” eher einer Revue ähnelt, würde ich dieses Stück als Monodrama beschreiben. Und bei “The Reveilles” bringen wir das Repertoire der Andrews Sisters mit drei Stimmen, Klavier, Kontrabass und Schlagzeug auf die Bühne. Ich möchte die Musik und Geschichten aus der vergangenen Zeit erlebbar machen. Das Publikum darf lachen, sich berühren lassen, Altes oder Neues entdecken und im besten Fall mit einem Gefühl nach Hause gehen, das nachwirkt.

Du hast auch eine große Leidenschaft für die Swing-Tänze der 1920er bis 1950er Jahre, insbesondere für Lindy Hop, du unterrichtest und und nimmst an internationalen Bewerben teil. Was vermittelt dieser Tanz?

Lindy Hop entstand in der afroamerikanischen Community in Harlem und trägt viel Geschichte in sich. Der Tanz ist voller Lebensfreude, Individualität, Energie und Improvisation. Besonders schön ist, dass man durch Tanz mit anderen Menschen kommunizieren kann – egal, welche Sprache man spricht. Und was soll ich sagen: Big Bands, alte Ballsäle, die Mode – ein Genuss. (lacht)

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LIEBLINGSTANZ: LINDY HOP. Der Tanz aus dem Harlem der 1930er Jahren ist voll Lebensfreude und Individualität. © Lecce Swing Festival
Mit der Produktion “The Zazous” trägst du die Genres Swing, Rock’n’Roll und R’n’B weiter und interpretierst sie neu. Tanzt du dabei dein eigenes Lebensgefühl?

Ja, ich glaube, dass ich grundsätzlich mein eigenes Lebensgefühl tanze. (lacht) Bei den “Zazous” ist das Freiheitsgefühl im Fokus und das Ziel, Menschen mit dieser Musik zusammenzuführen. Aus diesem Grund organisiere ich Socials, bei denen ich eine Schnupperstunde anbiete und anschließend eine Tanzfläche biete, auf der man zu unserer Livemusik die ganze Nacht durchtanzen kann.

Du arbeitest als Schauspielerin für Film und TV sowie als Sprecherin in Wien und London. Kurzfilme, in denen du mitgewirkt hast, wurden mehrfach ausgezeichnet. Wie verbindest du Wien und London?

Wien ist meine Heimatstadt und meine Basis, hier kann ich zur Ruhe kommen und planen. Über die Jahre habe ich mir ein Netzwerk aufgebaut. London ist dagegen eine Inspirationsquelle – dort hole ich mir neue Eindrücke und lasse mich bewusst auf Situationen ein, die ich nicht planen kann. Während ich in Wien gerne Strukturen habe, lebe ich in London spontaner. Genau dieser Gegensatz tut mir gut. Wenn ich in Wien das Gefühl habe, in einen Stillstand zu geraten, zeigt mir London wieder neue Perspektiven. Und wenn ich genug neue Eindrücke im Gepäck habe, komme ich wieder zurück.

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ROLLENSPIEL. Die Schauspielerin und Sprecherin arbeitet in Wien und London. © Boxquadrat Philipp Schulz

Als Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin bist du eine Geschichtenerzählerin. Welche Geschichte brennt noch in dir?

Da lodern noch einige. (lacht) Ich bin immer auf der Suche nach Geschichten, bei denen mehr dahintersteckt – etwas, das inspiriert, motiviert und berührt. Mich interessiert das Menschliche dahinter – Beziehungen, Identität und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben. Durch die Geschichten anderer entdecke ich auch immer wieder etwas über mich selbst. Ich möchte Geschichten erzählen und eigene Geschichten schreiben – Geschichten, die bleiben.

Janine Hickl ist am 17. Oktober um 19:30 Uhr in der Bettfederfabrik Oberwaltersdorf zu erleben. Weitere Infos zur Künstlerin auf www.janine-hickl.com

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