WIEN 1972 Die fünf Phantasten der ersten Stunde: Anton Lehmden, Ernst Fuchs, Arik Brauer und Rudolf Hausner.

Arik Brauer & Anton Lehmden: Die Töchter Timna und Barbara über das Erbe ihrer Väter

Die Töchter der beiden Künstlerpersönlichkeiten im Interview

7 Min.

© Brauer Gruppe Wien

Mit „Phantastischer Realismus: Zwei Perspektiven“ zeigt die Wiener Galerie Kovacek & Zetter erstmals eine gemeinsame Gegenüberstellung von Arik Brauer und Anton Lehmden. Wir bitten die Töchter der beiden Künstlerpersönlichkeiten, ihre sehr persönlichen Erinnerungen mit uns zu teilen.

„Phantastischer Realismus: Zwei Perspektiven“

Die Ausstellung von rund 85 Werken aus fünf Jahrzehnten entstand in enger Zusammenarbeit mit den Töchtern der Künstler, Timna Brauer und Barbara Lehmden, die die künstlerischen Nachlässe ihrer Väter betreuen und deren Werk aus heutiger Perspektive weitertragen. Gerade vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen entfaltet die Ausstellung neue Relevanz – als visuelles Plädoyer für Verantwortung, Bewusstsein und Versöhnung. Beide Künstler hatten auch einen tiefgehenden NÖ-Bezug. So sind viele Waldbilder von Arik Brauer vom Wienerwald und seinen Lieblingswanderrouten im Gebiet der Rax und des Schneebergs inspiriert. Auch die erste große Phantasten-Ausstellung hat 2003 im Minoritenkloster in Tulln stattgefunden, fünf Jahre vor der Ausstellung im Belvedere. Werke von Anton Lehmden befinden sich auch in der Sammlung des Landes Niederösterreich.

TIMNA BRAUER

Timna Brauer und Arik Brauer
© Martin Vukovits

In der vierten Ausgabe der NIEDERÖSTERREICHERIN hat die großartige Künstlerin unser Cover geziert. In ihrem schönen Heim führten wir unter dem Titel „Klaviatur der Kulturen“ ein großes Interview. Das war im Mai 2014 und ihre wunderbaren Eltern Arik Brauer und Naomi Dahabani lebten noch…

Timna, gibt es eine Frage, die du deinem Vater im Zusammenhang mit der Ausstellung gerne stellen würdest?

Ja, zu dieser Ausstellung speziell würde ich ihn mehr zur Synergie zwischen ihm und Anton Lehmden fragen wollen. Es gab schon viele Gruppenausstellungen der Wiener Schule des Phantastischen Realismus – früher mehr, dann immer weniger – aber ich weiß, dass Anton Lehmden für meinen Vater ein wichtiger Maler und ein wichtiger Mensch war. Jeder kam aus einer völlig anderen Welt, dennoch war Arik sehr von der Technik, dem Malstil und vom Esprit der Landschaftsmalerei von Anton begeistert. Es war schon ein gegenseitiges, sehr spannendes Befruchten.

Dein Vater hat euch Mädchen immer fantastische Geschichten erzählt, welches seiner Bilder erzählt dir eine besondere Geschichte?

Seit Hauptbild „Mein Vater im Winter“! Das war sein schwierigstes Thema, das Trauma seines Lebens. Sein Vater steht da nackt, und bekommt, kurz bevor er vergast wird, eine blaue Decke von einem SS-Offizier. Am Kopf meines Opas ist ein Vogel als Symbol dieser menschlichen Geste des SS-Mannes, der ihm doch noch eine Decke schenkt. Das klingt heute so weit weg, ja, wie ein Märchen – aber es war so, sie wurden vergast, nur weil sie Juden oder Roma waren…

Die Kunst hat eure Familie zu jeder Zeit geprägt. Auch deine Kinder Jasmin und Jonathan tragen diese Talente weiter…

Ja, von all seinen acht Enkeln sind es doch meine Kinder, die sehr privilegiert waren, weil sie bei den Großeltern in der Villa Brauer aufgewachsen sind. Ich war damals viel auf Tournee, deshalb haben sie sehr viel mitgekommen. Kulturell von meiner Mutter die hebräische Sprache, die Küche und die jüdische Tradition, und vom Vater die Liebe zur Kunst. Sie wurden sowohl musikalisch als auch bildnerisch sehr von den Großeltern gefördert. Das war ein großes Geschenk. Jasmin und Jonathan sind in beide Richtungen sehr begabt und machen gerade ihre künstlerischen Karrieren.

Es gab den 7. Oktober 2023 und nun fallen wieder Bomben auf Israel. Arik Brauer war ein großer Humanist, setzte sich zeitlebens für Frieden, Freiheit und gegen Antisemitismus ein. Was würde er wohl sagen?

Arik hat den 7. Oktober bereits 2015 mit der Willkommenskultur vorausgesagt. Er hat immer gesagt, wenn die Menschen einmal da sind, muss man sie empfangen. Er hielt die Asylpolitik von Anfang an für falsch und hat sich auch nie ein Blatt vor den Mund genommen, indem er sagte „zuerst bringen sie sechs Millionen Juden um, und dann holen sie sich eine Million Antisemiten rein“. Das zu sagen, war damals ein absolutes Tabu, aber heute beginnen viele zu begreifen, denn dieses Mindset des Antisemitismus ist in der muslimischen Welt sehr präsent. Nur wenige distanzieren sich davon, das sind die Helden für mich, denn die meisten leben ja in totalitären Regimen. Die Geschichte zeigt uns doch, dass ein kleiner Prozentsatz von ihnen reicht, um Diktatoren wie Hitler hochkommen zu lassen. Arik hat immer wieder daran erinnert, wie schnell sowas geht und wie zart das Pflänzchen der Demokratie ist. Er war nicht nur „Flower-Power und Frieden um jeden Preis“, es war ihm klar, dass die Entnazifizierung nur gelang, weil die Alliierten alles platt gemacht haben. Ein hoher Preis – und das passiert doch jetzt gerade im Iran…

BARBARA LEHMDEN

Barbara Lehmden und ihr Vater Anton Lehmden
© Lehmden Museum

Die Tochter Anton Lehmdens initiiert und organisiert seit 2004 den „Kultursommer Schloss Deutschkreutz“, und stand ihrem Vater seither als Assistentin in seinen künstlerischen Belangen zur Seite. Nach wie vor kümmert sie sich um das Lehmden Museum, kuratiert nach seinem Tod Ausstellungsschwerpunkte und macht persönliche Führungen.

Barbara, welche Momente mit Ihrem Vater haben Sie am meisten geprägt?

Die schönsten und geheimnisvollsten Momente waren, wenn ich ihm beim Malen zugeschaut habe. Er war total konzentriert, fast neben sich und der Pinsel ist förmlich wie von selbst über die Leinwand oder das Papier geflogen- als hätte er sich selbstständig gemacht.

Hat sich Ihr persönlicher Blick auf sein Werk nach seinem Tod verändert?

Bei meinen Führungen ist mir mein Vater weiterhin sehr nahe und all die Bilder im Museum sehr vertraut. Nur schwerlich schaffe ich es den Blick auf die Werke zu objektivieren, in erster Linie ist es dann die schmerzvolle Erkenntnis, dass nichts mehr nachkommen kann – sein Pinsel steht für immer still.

Die Bilder ihres Vaters – bis zu den apokalyptischen Reitern – bleiben in einem Schwebezustand zwischen Vergangenheit und Zukunft. Findet sich darin eine besondere aktuelle Relevanz?

Ja, hier handelt es sich tatsächlich um eine zeitlose Malerei. Seine Bilder sind Zeitfenster, sie schöpfen aus Erfahrungen aus der Vergangenheit und weisen in die Zukunft. Dadurch sind sie ein hochaktuelles Zeugnis in der Gegenwart.

Anton Lehmdens Biografie sowie seine lyrische Landschaftsmalerei sind auch eng mit Niederösterreich verbunden… 

Nach dem Krieg ist seine Familie aus der Slowakei vor den Sowjets geflohen. Sein Vater, der in Nitra einen Gutshof besessen hatte, ließ sich in Niederösterreich nieder und eröffnete in Gänserndorf eine Gärtnerei. Mein Vater lebte in seinen ersten Jahren an der Akademie, von 1945 bis etwa 1948, bei seinen Eltern und malte auch oft die flachen Ebenen des Marchfeldes. Es gab damals dort viele Erdölfelder mit Förderpumpen und eines Tages entdeckte mein Vater einen sich abkämpfenden Reiher, der in einer klebrigen Erdöllacke gefangen war. Er säuberte eine gefühlte Ewigkeit lang seine Flügel aufs Sorgfältigste und harrte neben ihm aus bis er wieder flugfähig war.

Haben Sie ein besonderes Lieblingswerk in der Ausstellung?

Mein Lieblingsbild ist der große Vogelflug, der eigentlich zu einem Bilderzyklus aus Himmels-und Wasserszenen gehört hatte, und den er eineinhalb Jahre vor seinem Tod begonnen hat zu übermalen. Zuerst war die ganze Familie erschrocken und wollte ihn davon abbringen in das Bild hineinzumalen – aber es ist so unglaublich schön geworden, von einer unheimlichen ätherischen Leichtigkeit und in den Farben so ungewohnt hell, dass es für mich heute absolut friedlich und versöhnlich wirkt, fast wie ein Übergang ins nächste Leben. Es war sein letztes Bild, er hat daran bis zu seinem Tod gemalt.

Welche Botschaft würde sein Werk wohl der jüngeren Generation mitgeben wollen? 

Vor allem seine Kriegsbilder sollen eine Botschaft transportieren. Indem er uns die Kriegsgräuel vor Augen führt, Panzerschachten, Rauchschwaden, Blutströme, verstümmelte Krieger, apokalyptische Pferde. Damit wollte er die Menschen warnen und daran erinnern: das darf es nie wieder geben! Es ist ein Glück, dass er weder den Ukrainekrieg noch die Nahostkriege mehr erleben musste!

Infos zur Ausstellung bis 16. Mai 2026 auf www.kovacek-zetter.at.

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