Szene aus Allegro Pastell. Zwei Menschen umarmen sich

Allegro Pastell: Jannis Niewöhner im Gespräch

Wie sich Liebe limitieren lässt

5 Min.

© Walker Worm Film/Felix Pflieger

„Allegro Pastell“ kommt am 3. Juli 2026 ins Kino. Wie er seinen feinfühligen, wankenden Jerome verkörpert und erlebt, verrät Schauspieler Jannis Niewöhner.

Früher war es mal eine Tschick, Tanja und Jerome gönnen sich nach dem Sex eine Schweigezeremonie bei einer Tasse Tee. Dabei überlegt sie, seit wann ihnen die Stille so leicht fällt. Die Liebe zwischen der Autorin und dem Webdesigner ist aufregend, ihre Fernbeziehung auch in ihren Mails und Nachrichten prickelnd – aber nie überschäumend. Es mangelt nicht an Leidenschaft, sondern an der Bereitschaft, sich wirklich zu öffnen. Es mangelt nicht an Liebe, aber wer weiß, vielleicht an echten Problemen. Vielleicht ist ein Lebensrucksack, der leicht an den Schultern baumelt, kontraproduktiver für die Balance als ein schwerer, der die Beine fester in den Boden drückt? Kurzum: Geht es den beiden zu gut, um sich mit Haut und Haaren in eine echte Beziehung zu stürzen? „Ich hab immer das Gefühl, ich möchte die beiden wachrütteln“, sagt Jannis Niewöhner im Interview.

Er spielt Jerome, Sylvaine Faligant „seine“ Tanja. Leif Randt landete mit „Allegro Pastell“ 2020 einen Bestseller, der ganz schön polarisierte. Manche sahen darin sogar eine aufschlussreiche Analyse bindungsunfähiger Millennials. Den Roman übersetzte Regisseurin Anna Roller in einen Film; jetzt kommt er ins Kino.

Portrait von Jannis Niewöhner
© Valeria Mitelman

Interview mit Jannis Niewöhner

„Allegro Pastell“ lässt uns ganz schön grübeln – weil es um „heutige“ Beziehungen geht?

Jannis Niewöhner: Der Film zeigt weniger das Abbild einer Generation, sondern vielmehr einer bestimmten Bubble an privilegierten Menschen, die sehr genau, sehr spezifisch beobachtet wurden. In diesem Raum verlieben sich zwei Menschen ineinander, aber sie halten zu allem im Leben einen Sicherheitsabstand, alles unterliegt einer starken Planung.

Wieso dosieren sie sich so stark?

Das ist auch eine Altersfrage. Die turbulenten 20er haben sie hinter sich, das ist eine Zeit, in der man sich ins Leben schmeißt, Risiken eingeht, aber auch dem Schmerz ganz ausgesetzt ist. Irgendwann ist man weniger imstande, das auszuhalten. Obwohl man sich ungern von der vollen Art des Lebens verabschieden will, versucht man, sich sicherer zu machen. Es ist eine Art Selbstschutz.

Wenn man sich öffnet, erhofft man sich das auch vom Gegenüber. Wenn das nicht passiert, hat man sich vielleicht nur verletzbar gemacht – und zieht sich zurück. Nachvollziehbar für dich

Beziehungen können scheitern, das kann zu Schmerz führen, aber bei mir hat das zum Glück nie bewirkt, dass ich mich deswegen zurückgezogen habe. – Ein anderes Thema ist der gesellschaftliche Druck, mit Anfang, Mitte 30 müsste man „angekommen“ sein. Wenn es nicht so ist, kann Panik aufkommen. Tanja und Jerome sind Extrembeispiele; sie gehen lieber in einen sicheren Kokon, das ist die Tendenz von vielen in dieser Altersklasse.

Der Film spielt kurz vor Covid, seither haben Machthaber weitere Kriege losgetreten. Wäre es heute nicht Luxus, so sehr auf sich selbst fokussiert zu sein?

Ein Luxus ist das sowieso. Ich würde behaupten, dass die Verschärfung der Krisen noch eher dazu führt, dass sich die Menschen abschotten: Je stärker sich die Bedrohung anfühlt, desto mehr vergewissert man sich der Sicherheit und Stabilität im persönlichen Leben. Dass die zwei Figuren so sehr um sich kreisen, berührt einen manchmal unangenehm, weil das an einen selbst erinnert, aber es irritiert auch, dass sie so wenig darüber nachdenken, was um sie herum passiert, dass sie keinerlei Verantwortung sehen, einen Teil zum gesellschaftlichen Leben beizutragen.

Wie prägt dich die Arbeit am Film?

Vor allem durch Anna Rollers magische Arbeitsweise. Sie hat uns auf eine so gute Weise gefordert, diese Geschichte zu etwas eigenem zu machen. Sie hat gesagt, es sei einfach, diese Figuren zu kritisieren, sie vielleicht hie und da nicht zu mögen: „Aber lass uns in ihnen trotzdem die Menschlichkeit suchen, lass uns ihnen mit Liebe begegnen.“ – Privat sehe ich die Geschichte als eine Art Warnung: Mach nicht diesen Fehler, sondern lass dich aufs Leben ein, bleib flexibel und verletzlich. Menschlich sein bedeutet auch, sich zu trauen, sich verletzlich zu machen.

„Allegro Pastell“ erzählt viel in intimen Szenen. Wie hat sich die Umsetzung dieser zuletzt verändert?

Da ist ein großer Unterschied, wie Sexszenen vor zehn oder auch fünf Jahren gedreht wurden. Insbesondere junge Filmemacher:innen stellen sich heute gemeinsam mit Intimacy Coordinators sehr genau die Frage: Was wollen wir mit der Körperlichkeit erzählen? – Manchmal lässt sich damit mehr sagen als durch Sprache, beispielsweise Unsicherheit: Wenn Jerome durch seine Aufregung total unsouverän ist, macht ihn das menschlich.

Aber wir sind noch in einer Übergangsphase. Es gibt kein „zu sensibel“ (bei der Umsetzung, Anm.), trotzdem braucht es bei jeder Absprache auch einen kreativen Freiraum, damit etwas Lebendiges entstehen kann. Wenn sich zwei das erste Mal küssen, diese erste Berührung, bei der man noch mal zurückzuckt, kann man nicht total planen – und das ist auf der Leinwand so schön, wenn es einfach entstehen kann. Wichtig ist, dass ein Sicherheitsrahmen geschaffen wird, in dem man sich als Spielpaar flexibel bewegen kann. Intime Szenen folgen einer Choreografie, man ist ja nicht selbst, sondern die Figur. Wenn dabei etwas Gutes gelingt, können das genauso verbindende Momente im Team sein, wie wenn man ganz schwierige Szenen dreht und gemeinsam schafft.

Zur Situation heute: Es gibt viel Protest von Frauen – wegen Übergriffe durch Männer. Wie geht es dir damit?

Da ist oft ein Gefühl von Überforderung, wenn wieder News kommen. Aber das ist gut so, dass wir gezwungen werden hinzusehen. Der Gedanke, der über allem stehen sollte, ist, dass wir Männer gefordert sind, uns mit dem Patriarchat auseinanderzusetzen – mit den giftigen männlichen Strukturen und den Dingen, zu denen sie führen.

Wer inspiriert dich persönlich?

Freund:innen, meine Eltern. Viele Menschen aus ganz anderen, unterschiedlichen Bereichen, wenn jemand beispielsweise viel aktivistischer und politischer ist.

Warum deine Eltern?

Unter tausenden Dingen ist es bei meiner Mutter die Fähigkeit, dem Schmerz zu begegnen, ihn als Teil des Lebens anzunehmen und genau daraus eine Tiefe entstehen zu lassen – und bei meinem Vater der unanfechtbare Optimismus und die Positivität im Leben.

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