Langeweile Kinder: Lachendes Mädchen steht mit Kuschelbären Kopf.

Warum Langeweile Kindern guttut

Kinder sind heute ständig beschäftigt – dabei brauchen sie genau das Gegenteil. Warum das Nichtstun so wichtig ist, und warum Eltern lernen müssen, das Jammern auszuhalten.

5 Min.

© Shutterstock

Ein Kind, das nicht weiß, was es tun soll. Ein Elternteil, das reflexartig zum Tablet greift. Problem gelöst – oder auch nicht. Teresa Katharina Binder, Künstlerin und Kunstlehrerin aus der Steiermark, kennt diesen Moment. Und sie macht es anders. „So komisch das klingt – ich halte das Jammern einfach aus“, sagt sie. Ihr Sohn Oskar darf sich langweilen. Er darf klagen. Er darf nicht wissen, was er tun soll.

Das unbehagliche Gefühl aushalten

Langeweile ist unangenehm. Für Kinder. Und für Eltern, die es mit aushalten müssen. Der Impuls, sie wegzumachen, ist mächtig – und menschlich. „Wir neigen allgemein sehr schnell zu Ablenkungsmanövern aller Art“, sagt Binder. „Das kann das Spielen sein, das kann ein Gespräch sein, das kann Essen sein, alle möglichen Sinnesreize, nur damit ich nicht diese Langeweile aushalte.“

Was sie stattdessen tut, hat sie von ihrer eigenen Mutter gelernt. Die hat ihr zugetraut, das unangenehme Gefühl einfach auszusitzen. „Wenn ich als Kind geklagt habe, wie fad mir war, war die Antwort kein Programm, sondern ein klares: ,Dann ist dir halt einmal langweilig und dann jammerst du halt einmal. Das darf sein.‘“ Binder ist überzeugt, dass genau das der Grund ist, warum sie so kreativ geworden ist.

80 Prozent erreichen die WHO-Empfehlungen nicht

Stephan Schenk hat das Problem von einer anderen Seite beobachtet. Der Gründer von Stapelstein – dem farbenfrohen Spielzeug, das aus bunten Halbkugeln besteht und bewusst keine Anleitung kennt – hat sich früh gefragt, warum Kinder immer weniger Raum für freies Spiel haben. „80 % erreichen die Bewegungsempfehlungen der WHO nicht“, sagt er. „Das ist keine Kleinigkeit, das ist eine stille Krise.“

Er selbst kommt aus einer Familie, in der Pädagogik und kreatives Handeln immer präsent waren. Die Überzeugung, die ihn geprägt hat: Kinder brauchen keine Anleitung, um Selbstwirksamkeit zu erleben. Sie brauchen Zeit und Raum. Beides wird ihnen heute zunehmend im Kindergarten, in der Schule, zuhause genommen. Sein Unternehmen ist aus genau dieser Haltung entstanden.

Was passiert, wenn niemand sagt, was zu tun ist

Die von ihm entwickelten Spiel-Elemente kommen ohne Regelwerk. Es gibt keine Bauanleitung und kein vorgegebenes Ziel. Schenk beschreibt, was er immer wieder beobachtet, wenn Kinder zum ersten Mal damit in Berührung kommen: „Manche stürzen sofort drauf los, andere zögern einen Moment oder beobachten zunächst das Geschehen um sie herum. Sie stapeln, sie balancieren, sie bauen fantastische Welten. Jedes Kind macht etwas anderes. Eines klettert, das nächste setzt sich drauf und wippt, ein anderes baut einen Turm und schaut, wie hoch er werden kann. Manchmal Spiele, die ich nach 10 Jahren im Business selbst noch nie gesehen habe.“

Ein Abend ohne Auflösung

Ich erinnere mich an ein Presse-Dinner mit Stephan Schenk, bei dem irgendwann die Bremer Stadtmusikanten auftauchten und die Frage, welche Tiere im Märchen vorkommen. Alle tendierten sofort dazu, zum Handy zu greifen, um die Antwort zu googeln. Er bat aber die Anwesenden, es nicht zu tun, sondern einfach mal zu überlegen. Was dann passierte, war unerwartet schön. Plötzlich saßen Erwachsene da, die überlegten, rätselten, lachten.

Mit der Langeweile funktioniert das ähnlich. Man muss ihr den Raum geben, damit überhaupt erst etwas Kreatives entstehen kann. Langweile ist Leerwerden, sagt Binder. „Wenn ich ständig voll bin mit irgendwas und immer nachlege, kann ich nicht kreativ sein.“ Wer Raum macht – in sich, für Kinder, im Unterricht – lädt etwas ein, das sich nicht erzwingen lässt.

Raum ohne Regeln

Binder gibt zu, dass ihr das nicht immer gelingt. Als Mutter schon – als Werklehrerin noch nicht. Der Unterricht ist zackig, diszipliniert, die Zeit knapp. Aber sie will es ausprobieren: Materialien auf die Tische legen, Stifte, Papier – und dann nichts sagen. Einfach schauen, was entsteht, wenn keine Anweisung kommt.

Aushalten, was unangenehm ist

Warum aber fällt es uns überhaupt so schwer, Nichtstun auszuhalten? Binder: „Ablenken passiert in meinen Augen nur deshalb, weil man unangenehmen Gefühlen ausweichen will, die mit der Langeweile eventuell hochkommen. Wenn ich es aber schaffe, sie zu akzeptieren oder mich sogar mit ihnen auseinanderzusetzen, dann kann etwas Großartiges entstehen.”

Schenk sieht das ähnlich und appelliert an die Erwachsenen: „Einen Schritt zurücktreten, beobachten, staunen. Und vielleicht merkt ihr dabei, wie viel Kinder können, wenn wir ihren wunderbaren Fähigkeiten Zutrauen schenken.“

Fünf Dinge, die Eltern tun können, wenn Kinder „mir ist fad” sagen

  1. Aushalten: Nicht sofort reagieren. Das Jammern darf sein und muss nicht sofort gelöst werden.
  2. Kein Gerät als Antwort: Tablets und Smartphones füllen die Leere, aber sie lassen nichts entstehen.
  3. Rausgehen: Auf die Wiese, in den Wald, irgendwo ohne Programm. Der Körper findet oft schneller etwas als der Kopf.
  4. Vorbild sein: Selbst mal das Handy weglegen, nichts tun, aushalten. Wer das selbst nicht kann, wird es dem Kind schwer erklären können.
  5. Nicht lenken: Materialien wie Stifte, Papier, ein paar Dinge auf den Tisch legen – und nichts dazu sagen, keine Ideen, keine Anleitung. Was daraus wird, entscheidet das Kind.

Das könnte dich auch interessieren:

Abo

Wählen Sie Ihr persönliches Abo aus

×