Ira Süssenbach

Wortwiege Festival: Ein vielfältig und hochkarätig besetzter Spielplan

Eine Vorschau

6 Min.

© Luna Tscharnt

„Ungeheuer ist viel… doch nichts ungeheurer als der Mensch.“ – Dieses berühmte Antigone-Zitat bildet die Initialzündung für den Spielplan des Wortwiege Festivals in den historischen Kasematten Wiener Neustadts. In einem vielfältigen wie hochkarätig besetzten Spielplan geht es um die ungeheuerliche Doppelnatur des Menschen. Eine Vorschau …

Wortwiege Festival: Das erwartet euch!

„Wahrhaft Ungeheures begegnet uns derzeit in unbegreiflicher Geschwindigkeit. Die Erregungskurve ist hoch, die Fassungslosigkeit über die rasanten Veränderungen hält uns in Atem. Und doch ahnen wir: Nichts daran ist gänzlich neu. Es wirft vielmehr erneut die alte Frage auf: Wie kann das Geschöpf Mensch gleichzeitig abscheulich destruktiv und ungeheuer visionär sein? Und liegt nicht genau darin Hoffnung?“

Mit diesen Worten beschreibt die Festivalleiterin Anna Luca Krassnigg das Spielzeitmotto, das sich in der Beschäftigung mit dem Mythos Troja, von Homer über Kleists „Penthesilea“ bis zu zeitgenössischem Musik- und Tanztheater, wiederfindet. Das brandneue Lesetheater von Franz Schuh zu Karl Kraus und die Theaterserie REDEN! sowie Dialogformate mit Gästen wie Klaus Theweleit, Florian Scheuba, Raimund Löw, Lisz Hirn, Michael Köhlmeier oder Konrad-Paul Liessmann u.a. sind weitere Fixpunkte im Programm.

Zwei monströse Gesellschaftskomödien

Bereits im Vorjahr wurde das Stück des scharfsinnigen Autorenduos Helmut Qualtinger und Carl Merz „Alles gerettet“ uraufgeführt. Aufgrund der großen Nachfrage und des Ungeheuerlichen, das dem Stück innewohnt, gibt es heuer drei Wiederaufnahmen – wie ein weiteres der nur drei Theaterstücke von Qualtinger/Merz: Das Volksfest. Die morbide Komödie erschien unter dem Titel „Die Hinrichtung“ und lässt uns einmal mehr in die dunkelsten Ecken der Menschenseele blicken. Am 12. Mai soll Herrn Reindls traurige Existenz endlich Glanz erfahren. Was undenkbar ist, machen Neugier und Sensationslust möglich. Denn für zehn Millionen soll seine Hinrichtung durch die Guillotine zum Volksfest der Nation werden. Inszeniert wird dieses Juwel österreichischer Bühnenliteratur von Ira Süssenbach.

Regisseurin Ira Süssenbach im Interview

Ira, Sie gelten als Regisseurin für Absurdes, Abgründiges und Aberwitziges, was hat Sie persönlich an diesem Stück beeindruckt oder schockiert?

Mich hat am meisten die „Banalität des Bösen“ schockiert, dass sich etwas so Monströses sehr schnell zu einer alltäglichen Diskussion entwickelt. Beim Probenprozess hat mich beeindruckt, wie sehr man gegen den ersten Impuls und gegen das Klischee arbeiten muss, und wie reduziert und trocken manche Dialoge und Konflikte ablaufen.

Trägt die für Qualtinger typische Sprache und Übertreibung zur Wirkung des Stücks bei?

Es ist eine politische Satire, bei der man merkt, dass sie von großartigen Kabarettisten geschrieben wurde. Viele Situationen sind natürlich überspitzt, aber im Großen und Ganzen reflektiert das sehr gut die Absurdität wie auch kafkaeske Abläufe, die uns im Alltag begegnen – vor allem auf Amtswegen und bei Behördengängen.

"Das Volksfest" - Ein Theaterjuwel von Helmut Qualtinger & Carl Merz © Christian Mair
“Das Volksfest” – Ein Theaterjuwel von Helmut Qualtinger & Carl Merz © Christian Mair
Seine Kritik richtet sich ja an die „normale“ Gesellschaft, lassen sich daraus auch heute noch Lehren ziehen?

Ich sehe allgemein die Aufgabe des Theaters nicht darin, dem Publikum Lehren aufzuzeigen. Die Eindrücke, die das Publikum bekommt, kann es selbst auswerten. Gleichzeitig kann ich sagen, dass bei Qualtinger und Merz niemand verschont bleibt – weder die Kapitalisten, noch die Sozialisten, weder die Familienmenschen, noch die Geschäftsleute. Eine gute Komödie ist die, in der keine guten Charaktere vorhanden sind.

Wie inszenieren Sie den Umgang der Menschen mit Schuld und Verantwortung?

Ich würde sagen, dass es bei den Charakteren im Stück zu gar keiner Reflexion von Schuld und Verantwortung kommt. Jedoch gilt die Frage: Wenn eine Partei einer anderen Partei ein unmoralisches Angebot stellt, wer ist hier unmoralisch? Die Seite, die das Angebot annimmt? Die Seite, die das Angebot stellt? Oder das Publikum – die Seite, die dem zuschaut? Qualtinger selbst hat gesagt: „Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen.“

Ja, und er kommentierte die ambivalente Haltung des Publikums auch damit, dass „die Leute brutal genug wären, um zur Hinrichtung zu gehen“. Welche Botschaft möchten Sie mit Ihrer Inszenierung vermitteln? 

Für mich ist in dieser Inszenierung die wichtigste Botschaft zu zeigen, dass wenn ein Glied der Kette korrupt ist, die ganze Kette sehr schnell reißen wird. Wenn jede Partei, jede Gruppe oder jede einzelne Person sich nur um eigene Interessen kümmert und verweigert, das große Bild zu sehen, führt das sehr schnell zu einer Katastrophe. Gleichzeitig thematisiert für mich dieser Stoff das Thema des Prekariats und dass es sehr einfach ist, auf einen Menschen mit dem Zeigefinger zu deuten und den auszulachen, der sich wie ein Affe für eine große Summe Geld so benimmt. Aber niemand stellt sich die Frage: Wie kann so ein Mensch, wie kann so eine Familie aus dieser prekären Situation rauskommen? Und wie kann man diesen Familien die Hand reichen? Ich glaube, Qualtinger und Merz thematisieren hier sehr gut was passiert, wenn ein Bevormundungsstaat den Menschen keine Bildung ermöglicht.

Sie sind 2012 aufgrund der politischen Situation in Russland nach Österreich ausgewandert, haben Ihr Regiestudium am Max Reinhardt Seminar mit Auszeichnung abgeschlossen. Wie erleben Sie derzeit das Monströse in Ihrem Heimatland?

Auszuwandern war für mich eine bewusste Entscheidung, weil mir klar wurde, dass die politischen Entwicklungen für mich gefährlich werden könnten. Denn, wer seine eigene Meinung äußern will, kann sehr schnell im Gefängnis landen, und ob man ein russisches Straflager überlebt, ist nicht gewiss … Wie man später gesehen hat, hatte ich recht mit meiner Vorahnung, weil ja dieser grausame Krieg und dieser Angriff auf die Ukraine schon vor vier Jahren begonnen hat.

Ich bin heute Österreicherin und besitze keine russische Staatsbürgerschaft. Wie ich das erlebe? Ich war seit 2019 nicht in Russland, weil es wahrscheinlich nicht sicher für mich ist, einzureisen – ich könnte für meine politische Gesinnung festgenommen werden. Ich besuche meine Familie nicht, ich war nicht beim Begräbnis meines Vaters. Ich glaube, wie jeder Mensch mit Empathie kann ich all dem nicht zusehen, ohne dass mein Herz zerbricht. Es ist absolut undenkbar, dass im Jahr 2026 immer noch Krieg in Europa herrscht. Das ist – unabhängig von Staatsangehörigkeit oder Nationalität – definitiv zu verurteilen, denn es gibt keine Begründung dafür, dass so etwas geschehen darf. 

SALON am Sonntag beim Wortwiege Festival

Jeden Sonntag lädt die Theatermacherin Anna Luca Krassnigg Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur und Wissenschaft ein, brennende Fragen der Gegenwart zu diskutieren. Nach den Premieren von „Das Volksfest“ und Kleists „Penthesilea“ werden der Rechtsphilosoph Peter Strasser und der Kabarettist Florian Scheuba zum Motto „Nichts ungeheurer als der Mensch“ Antworten suchen. 

Satiriker Florian Scheuba © Christian Heredia
Satiriker Florian Scheuba © Christian Heredia

Qualtinger hat 1965 gesagt „Die moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen.“ Ziemlich aktuell, oder?

Florian Scheuba: In einer sich im Würgegriff der beiden Kriminellen Wladimir Putin und Donald Trump befindlichen westlichen Welt ernsthaft über „moralische Entrüstung“ zu diskutieren, erinnert an ein Streitgespräch über „Verwässerung der Drinks durch zu viel Eiswürfel“ in einer Strandbar, auf die gerade ein Tsunami zurollt.

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