„Verpasst nicht das Leben!“

Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Berufen und lassen die Hüllen für einen guten Zweck fallen: die Brucker „Kalendergirls“ über Mut und Missionen.

5 Min.

© Franz Helmreich

Vor gut 20 Jahren entblößte sich unter anderem Helen Mirren für den erfolgreichen Kinofilm „Kalender Girls“. Als Intendantin Nina Blum 2016 „Kalendergirls“ auf „ihrer“ Rosenburg brachte, ließ etwa Erni Mangold die Hüllen fallen, da war sie bereits fast 90. In Bruck an der Leitha werden das ebenso Frauen tun, die teilweise reiferen Alters sind (was heißt das schon?!). Das Besondere dabei: Wenngleich sie mit viel Verve auf der Bühne stehen, sind sie hauptberuflich keine Schauspielerinnen; sie betreten komplettes Neuland. Umso mehr ist dies ein mutiges Unterfangen, das nicht nur deswegen viel Aufmerksamkeit verdient.

Der Story wohnen gleich mehrere wertvolle Missionen inne: Die Schönheit der Frau wird losgekoppelt von ihrem Geburtsjahr gefeiert, und es wird dies – im Film und im Brucker Stadttheater – für einen guten Zweck getan.
Apropos Feiern: Die Probe, die ich besuchen durfte, startete mit knallenden Sektkorken. „Für die erste Veranstaltung haben wir alle 40 Goldtickets verkauft, das ist unsere beste Kategorie“, triumphierte Regisseurin Petra Pschill und schenkte ein. Das ist mehrfach bemerkenswert, „die Brucker Bühne spielt nämlich sonst bei freier Spende“, erklärt sie. Die aktuellen Ticketpreise zwischen 98 und 123 Euro sind – wenn man es salopp formulieren mag – durchaus gesalzen. Mit gutem Grund. Das liegt daran, dass man während der Vorstellung an Tischen sitzt, Speis und Trank genießt – und vor allem daran, dass der Reinerlös an die Organisation MOKI (Mobile Kinderkrankenpflege) geht. „Es wird eine Charity-Veranstaltung, wie ich sie mir schon lange gewünscht habe“, verrät die Regisseurin.

Trauriger Todesfall. Die „Brucker Bühne“ liebäugelte schon länger mit den „Kalendergirls“; zuletzt wollte man sie 2020 aufführen, doch die Pandemie machte dem engagierten Theaterverein einen Strich durch die Rechnung. Heuer sollte das Stück endlich über die Bühne gehen, da verstarb im vergangenen Winter Obmann Christian Vymetal völlig unerwartet. „Er war einer meiner langjährigen Freunde, wir waren von Anfang an gemeinsam bei der Brucker Bühne, ich habe überlegt, alles hinzuschmeißen“, erzählt Petra Pschill.

Doch man bestärkte einander im Verein weiterzumachen, immerhin feiert die Laiengruppe heuer ihr 40-jähriges Bestehen. Hinzu kommt, dass die Story der „Kalendergirls“ mit viel Feingefühl und schönem Witz auch den Verlust eines geliebten Menschen aufgreift: Annies Mann John erkrankt an Leukämie und stirbt; die Freundinnen der Witwe, also der örtliche Frauenclub, beschließen, anstatt der immer gleichen biederen Kalender einen Akt-Kalender zu produzieren – und sich selbst dafür ablichten zu lassen. Johns letzte Worte inspirieren die Damen dazu: „Die letzte Phase der Sonnenblume ist die prächtigste.“ Vom Verkauf der Kalender wollen die Ladys in der Story dem Krankenhaus ein neues Sofa für wartende Angehörige spenden. Das Vorhaben sorgt in der kleinen Gemeinde naturgemäß für Aufruhr, die Freundinnen ziehen es dennoch durch.

Ein Traum geht in Erfüllung. Regisseurin Petra Pschill wünschte sich schon lange ein großes Charity-Event. Nach schlimmen Rückschlägen wird die Vision heuer wahr. © Franz Helmreich

Das erste Mal nackt. Die „Feuertaufe“ für die Brucker Darstellerinnen fand bereits Wochen vor der Aufführung statt: Sie standen im Studio von Fotograf Franz Helmreich und seiner Frau Evi Huber für Werbeplakate und einen Benefiz-Kalender vor der Kamera. „Der Fotograf hatte sich den Tag für uns bis 18 Uhr freigehalten, die Stimmung war aber so entspannt, dass wir schon um halb zwei fertig waren“, erzählt Petra Pschill. „Wir standen oben ohne da und haben einfach weitergeplaudert, das war uns ganz wurscht“, lacht Elisabeth Tschenett-Schäfer, im „realen Leben“ arbeitet sie im Verkaufsinnendienst eines Hamburger Unternehmens. „Wir hatten einfach einen richtig coolen Vormittag mit den Mädels“, findet auch „Kalendergirl“ Isabel Philipp, abseits der Bühne Tischlerin und Werkstatttrainerin.

Sowohl für die Fotos als auch im Stück werden intime Stellen – wie im Original – elegant hinter Requisiten versteckt. Die Proben mit den „Nackt­szenen“ standen noch bevor, als ich vorbeischauen durfte. Martina Noetzel, im Brotberuf Kulturvermittlerin im Archäologiepark Carnuntum, mag das Stück und seine Protagonistinnen sehr, als „ganz so easy“ will sie die Nacktheit im Rampenlicht aber nicht abtun. „Es kostet mich durchaus eine Überwindung.“ Wichtig findet sie in diesem Zusammenhang das Credo der „Kalendergirls“: „Wir sind nicht nackt, wir machen einen Akt.“

„Das Stück enthält viele Emotionen, und es wird herausfordernd sein, teilweise so freizügig auf der Bühne zu stehen“, glaubt Sabine Hackl, im Brotjob Sexualpsychologin. „Aber ich freue mich riesig auf eben genau das: einfach mal das gewohnte Terrain zu verlassen.“

© Evi Huber

Ich will allen Frauen Mut machen: Traut euch! Setzt euch in Szene!

„Kalendergirl“ Renate Muhr

Herzensappell. Renate Muhr kann die Premiere Ende Juni kaum erwarten. „Ich bin eine Rampensau“, sagt die pensionierte Unternehmerin. „Meine besondere Motivation ist es, als reife, ältere Frau zu zeigen, dass man noch lange nicht zum alten Eisen gehört, und auch wenn man nicht den perfekten Körper hat, allen anderen Frauen da draußen Mut zu machen: Traut euch! Setzt euch in Szene! Verpasst nicht das Leben mit unnötigen Selbstzweifeln.“

Die Darstellerinnen verlassen übrigens auch auf anderen Ebenen eindrucksvoll ihre Komfortzonen. „Ich war 43,5 Jahre lang Sozialarbeiterin“, erzählt Sissy Ohrenberger. Sie erlebt es als besonders große Herausforderung, die grantige pensionierte Lehrerin Jessie zu geben. „So bin ich eben gar nicht – und Petra muss mir laufend sagen, dass ich forscher werden muss“, schmunzelt sie. Umgekehrt war Elisabeth Tschenett-Schäfer in den bisherigen Komödien zumeist die aufbrausende Ehefrau, diesmal spielt sie aber die Witwe Annie, und zwar so berührend, dass sie und wir alle jedes Mal Tränen in den Augen haben“, schwärmt Regisseurin Petra Pschill. Ihr Co-Regisseur Peter Windholz ist überzeugt: „Wir haben uns mit ,Kalendergirls‘ etwas wirklich Großes vorgenommen und werden auch danach noch lange zurückdenken. Das sind die Momente im Leben, um die es wirklich geht.“

Kalendergirls. Isabel Philipp, Sabine Hackl, Renate Muhr, Elisabeth Tschenett-Schäfer, Sissy Ohrenberger und Martina Noetzel.
© Franz Helmreich

KALENDERGIRLS
Rund 40 Ehrenamtliche wirken am heurigen Charity-Event der „Brucker Bühne“ mit. Der Verein feiert damit heuer auch sein 40-jähriges Bestehen.
Aufführungstermine:
30. Juni, 19 Uhr
01. Juli, 19 Uhr
Tickets: € 98 bis € 123, inklusive Wein, weitere Getränke und Fingerfood.
Der Reinerlös kommt der Non-Profit-Organisation MOKI (Mobile Kinderkrankenpflege) zugute.
www.kalendergirls.at

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