Die ” Birdy & Bee”-Gründerinnen Sarah Anderl und Petra Kamenar im Interview
Schmuck mit Charakter
Studio Kamenar
Auffällige Ohrringe, nachhaltige Materialien und zwei Gründerinnen mit einer gemeinsamen Vision: Petra Kamenar und Sarah Anderl machen mit ihrem Label “Birdy & Bee” Schmuck mit Charakter.
Birdy & Bee: Beautiful Statement
Zwei Freundinnen, zwei Mütter, eine gemeinsame Vision: Petra Kamenar und Sarah Anderl haben mit Birdy & Bee in Tulln ein Schmucklabel aufgebaut, das farbenfrohe Statement-Pieces mit Nachhaltigkeit verbindet. Was 2018 am Küchentisch begann, ist heute in mehr als 100 Shops im DACH-Raum vertreten. Im Interview erzählen die beiden von ihrer Freundschaft, unternehmerischen Herausforderungen und dem Mut, an eine Idee zu glauben.
Ihr seid Freundinnen, Mütter und Unternehmerinnen – Wie ist aus dieser Freundschaft die gemeinsame Idee für Birdy & Bee entstanden?
Petra Kamenar: Schleichend, aber sehr bestimmt. Wir kennen uns schon sehr lange, haben uns dazwischen aus den Augen verloren, aber als wir uns wiedergefunden, haben wir beide sehr schnell gemerkt, wie ähnlich wir uns sind …
Sarah Anderl: … aber dann doch auch wieder nicht, das muss man auch dazu sagen. Wir denken oder schreiben uns in derselben Sekunde so oft das Gleiche (lacht), aber sind eben auch sehr verschieden. Diese Kombination macht viel aus, was unsere Ideen angeht.
Kein Mensch hat sich für meine Keramik interessiert, aber alle Ohrringe waren verkauft!
Petra Kamenar
Petra: Das stimmt! Und genau deshalb haben wir immer wieder darüber gesprochen, dass wir etwas gemeinsam machen sollten. Eine konkrete Idee gab es aber lange nicht. Bis ich Sarah um Hilfe bei einer Ausstellung gebeten habe, bei der ich damals meine Keramik verkaufen wollte. Ich dachte, ich habe viel zu wenig Ware, also habe ich sie angerufen und gefragt, ob sie mir vielleicht helfen könnte. Aus dieser Not heraus haben wir dann Schmuck gemacht. Und dann standen wir auf dieser Messe: Kein Mensch hat sich für meine Keramik interessiert, niemand hat auch nur eine einzige Tasse gekauft, aber alle Ohrringe waren weg! (beide lachen). Keine zwei Wochen später haben wir das erste Mal auf Instagram gepostet und sofort Nachrichten bekommen: “Boah, woher habt ihr diese Ohrringe? Wo kann ich sie kaufen?”

2018 habt ihr mit den ersten Experimenten begonnen. Wie ging es dann weiter?
Petra: Anfangs dachten wir, es wäre doch schön, wenn wir damit 200 bis 300 Euro im Monat dazuverdienen könnten. Damals haben wir die Ohrringe bei mir zu Hause am Esstisch gemacht. Aber ab dem Zeitpunkt, als wir den Onlineshop hatten, wurden die Bestellungen immer mehr. Wir haben dann recht schnell beschlossen, dass wir eine Base brauchen, wo wir produzieren können. Am Esstisch und mit kleinen Kindern ist es echt schwer, wenn du jeden Abend alles schön sauber wegräumen musst, damit sie dir nicht alles kaputt machen, was du den ganzen Abend erarbeitet hast. Deshalb haben wir 2019 in Tulln eine Werkstatt und ein Headquarter eröffnet und damit ganz offiziell gegründet. Sarah war damals hochschwanger.
Und dann kam 2020 Corona. Wie habt ihr diese Zeit erlebt?
Sarah: Corona war natürlich für alle Beteiligten sehr herausfordernd. Ich habe in dem Jahr auch noch ein Kind bekommen. Aber für unser Business war es eigentlich die beste Rutsche. Davor war es irgendwie noch ein bisschen Hobby. Durch Corona sind wir dann wirklich reingerutscht und haben, neben jeweils zwei Kindern, beschlossen: entweder ganz oder gar nicht! Ich habe nach der Karenz meinen Job komplett gekündigt, auch Petra hat ihren an den Nagel gehängt, und wir haben uns total auf Birdy & Bee konzentriert.
Petra: Für kleine Unternehmen wie uns war Corona fast schon gut. Viele Magazine hatten damals Not an Fotoproduktionen und waren dankbar, wenn wir ihnen Bildmaterial zur Verfügung stellen konnten. Plötzlich haben wir redaktionelle Beiträge bekommen und unsere Ohrringe wurden immer öfter in der Öffentlichkeit präsentiert. Außerdem waren die Leute zu der Zeit sehr darauf bedacht, regionale und nachhaltige Labels zu unterstützen. Das war sehr stark spürbar. Schade war, dass das nach Corona nicht so angehalten hat. Viele sind schnell wieder zu den gewohnten großen Onlineplattformen zurückgekehrt. Wir waren aber schon etabliert genug, um zu wissen, wie wir weitermachen können.
Ihr konntet immer mehr Shops für euer Produkt gewinnen und habt dann den nächsten großen Step gewagt …
Petra: Wir haben nach Corona beschlossen, dass wir unser Label komplett auf Nachhaltigkeit umstellen wollen. Damals wurde Birdy & Bee, so wie es heute ist, erst so richtig geboren. Bis dahin waren es handgemachte Ohrringe aus Polymer-Ton. Wir waren damals die Ersten, und soweit wir wissen, auch die Einzigen, die in Österreich aus diesem Material diese Art von Ohrring gemacht haben. Danach folgten einige mehr. Wir haben uns dann jedoch dazu entschieden, einen ganz anderen Weg einzuschlagen, und daraufhin ein Forschungsprojekt mit der Universität für Bodenkultur in Tulln gestartet.
Warum habt ihr euch dazu entschieden, euer Label komplett auf Nachhaltigkeit umzustellen?
Petra: Die Rechnung ist einfach: Wie viele Ohrringe kannst du im Monat herstellen, und wie viel kannst du damit verdienen? Diese Rechnung ist jedoch, so ehrlich muss man sein, nie aufgegangen – egal, wie viel wir versucht haben zu produzieren. Wir sind mit der Nachfrage nicht hinterhergekommen. Im Grunde ist das ein Luxusproblem. Eine Zeit lang haben wir noch versucht, das mit einer Mitarbeiterin zu lösen, haben aber auch da recht schnell gemerkt, dass die Decke erreicht war. Wir mussten also schweren Herzens erkennen, dass wir die Produktion aus unseren Händen geben müssen, damit daraus ein wirtschaftlich geführtes Unternehmen werden kann. Und da war die Entscheidung ganz klar: Wenn wir es schon aus der Hand geben, dann muss es einen Mehrwert haben.

Die Ohrringe bestehen aus Kartoffel- und Maisstärke. Wie herausfordernd war es, dieses Material zu finden?
Sarah: Herausfordernd war der Prozess natürlich. Wir haben lange recherchiert, um jemanden zu finden, der uns dabei helfen konnte. Wir wollten zudem in Österreich bleiben und nicht einfach irgendwo produzieren lassen. Anfangs wurden wir fast nur mit Absagen konfrontiert. Doch dann, wie es das Leben so will, haben wir jemanden kennengelernt, den wir eigentlich schon kannten (lacht), von dem wir aber nicht genau wussten, was er beruflich macht. Es stellte sich heraus, dass er an der Universität für Bodenkultur in der IFA-Abteilung, also der Abteilung für recycelte Ware, arbeitet. Gemeinsam mit ihm haben wir dann ein Forschungsprojekt gestartet und rund ein Dreivierteljahr an den Materialien geforscht. Wir hatten dabei klare Ansprüche, denn für uns war klar: Wenn wir jetzt schon so nah dran sind, dann muss es perfekt werden.
Petra: Spannenderweise haben wir während des Prozesses sehr viel gelernt, von dem wir vorher keine Ahnung hatten. Zum Beispiel über die Akustik: Das erste Material, bei dem die BOKU dachte, dass es geeignet sein könnte, hat fürchterlich geklungen. Uns war vorher gar nicht bewusst, dass uns auf dieser Reise so etwas begegnen könnte und das überhaupt ein Thema sein würde. Das Material klang wie ein Orchester am Ohr – das ging gar nicht! Wir haben dann noch einmal drei Monate gebraucht, bis wir das ausgeglichen hatten.
Was war bei der Produktumstellung besonders wichtig für euch?
Petra: Wir wollten damals einen Kunststoffersatz. Wir wollten Schmuck nicht neu erfinden, sondern Mode- und Fast-Fashion-Schmuck neu erschaffen. Er sollte immer noch aussehen wie hochwertiger Modeschmuck, aber kein Schrott sein. Es ist jedem bekannt, dass Fast Fashion, und mittlerweile Super Fast Fashion, große Problemthemen sind. Was jedoch nur wenige wissen: Fast Jewelry ist ein fast noch größeres Problem.
Sarah: Für uns war es zudem wichtig, auch die Community anzusprechen, die bereits unsere Polymer-Ton-Ohrringe geliebt hat. Diese waren sehr bunt und leicht, deshalb haben wir auch jetzt diese große Farbpalette. Wir stehen für Farben und lieben Statement-Ohrringe. Das war schon immer so. Mit den neuen Produkten wollten wir unserer Community also etwas bieten, das sie bereits von uns kennt. Gleichzeitig konnten wir viele neue Ohrringliebhaberinnen für Birdy & Bee gewinnen, weil Nachhaltigkeit in der heutigen Zeit natürlich ein großes Thema ist. Leider noch nicht für alle, aber für sehr viele.

Ihr wart auch bei “2 Minuten 2 Millionen”. Was hat euch dieser Schritt gebracht?
Sarah: Das war der größte Push unserer bisherigen Karriere. Wir haben uns beworben, weil wir wussten, wir haben ein supercooles Produkt, und wir wollten sichtbarer werden.
Petra: Man darf durchaus ehrlich sein: Jedes kleine Unternehmen kommt irgendwann an einen Punkt, an dem es entscheiden muss, wohin es wachsen will. Wenn du siehst, dass das Potenzial da ist, aber du für den nächsten Step zu klein bist, dann musst du die Sache selbst in die Hand nehmen. Wir kommen beide nicht aus wohlhabenden Häusern und hatten keinen finanziellen Push. Also haben wir uns bei “2 Minuten 2 Millionen” beworben, sogar zweimal. Beim ersten Mal wurden wir nicht genommen, beim zweiten Mal dann zum Glück schon.
Sarah: … und wenn wir schon so transparent sind: Wir waren damals an einem Punkt, an dem wir gesagt haben, Ende des Sommers müssen wir Bilanz ziehen, und wenn wir merken, es geht sich nicht aus, dann können wir Birdy & Bee zwar noch als Side-Business weiterführen, aber müssen uns beide einen Job suchen, mit dem wir etwas dazuverdienen können. Dann kam die Zusage, mit der ich ehrlich gesagt gar nicht mehr gerechnet habe. Für uns war klar: Wenn das nicht aufgeht, müssen wir umstrukturieren und es im schlimmsten Fall nebenbei weitermachen. Wichtig war uns vor allem, uns in der Sendung nicht zu blamieren. Und das ist nicht passiert. Ganz im Gegenteil: Alle waren begeistert, und wir waren danach extrem stolz auf uns und unser Team, das uns unterstützt hat. Was bei der Ausstrahlung vielleicht nicht ersichtlich war: Es war im Großen und Ganzen einfach eine große Rettung für uns …
Petra: Ja, stimmt, das war so. Ich würde “2 Minuten, 2 Millionen” wirklich jedem empfehlen – nicht nur wegen des Werbeeffekts, der natürlich auch da war. Aber unser größtes Learning war, dass wir uns intensiv mit unserer Unternehmensstruktur auseinandergesetzt haben. Wir haben uns wieder mit Dingen konfrontiert, die für uns künstlerische Typen sehr unangenehm waren: nämlich mit Zahlen, Steuern, Buchhaltung und der Frage, was ein Unternehmen braucht, um wirtschaftlich funktionieren zu können. Das hat uns eigentlich am allermeisten geholfen. Wir haben uns hingesetzt, neu strukturiert und aufgeteilt, wer was macht. Es geht nicht nur darum, schöne Ohrringe zu machen, sondern auch darum, wie wir diese Ohrringe vermarkten, verkaufen und unter die Leute bringen können. Du kannst der kreativste Mensch sein, aber wenn du nicht weißt, wie du deine Kunst verkaufst, wird sie irgendwo im Kämmerchen verstauben.

Ihr seid enge Freundinnen und gleichzeitig Geschäftspartnerinnen. Wie funktioniert diese Kombination?
Sarah: Es ist das größte Privileg, dass wir befreundet sind, uns so gut verstehen und auch noch miteinander Geld verdienen können. Wir haben beide unsere Stärken und Schwächen, die kennen wir nach so vielen Jahren mittlerweile sehr gut.
Petra: Wir sprechen immer wieder mit Leuten, die ebenfalls ein Business mit Freunden gestartet haben. Fast alle sind früher oder später gescheitert. Warum hat es bei uns funktioniert? Ich glaube, es ist das, was Sarah ganz am Anfang gesagt hat: Wir sind uns einerseits sehr ähnlich, aber eben auch sehr unterschiedlich. Bei uns gibt es so gut wie gar keine Machtkämpfe. Ich trete zurück, wenn ich merke, dass Sarah voll im Flow ist und umgekehrt.
Sarah: Wir sehen uns sicher fünf Mal die Woche, hören uns sieben Mal die Woche und gehen uns trotzdem nicht auf die Nerven. Ich glaube, das sagt eh alles! (lacht) Und wenn wir uns doch mal auf die Nerven gehen, haben wir so eine stabile Freundschaft, dass wir uns da auch sagen können.
Petra: Zweimal im Jahr machen wir außerdem eine Klausur. Wir fahren irgendwohin, arbeiten zwei Stunden intensiv und machen dann Pause. Dann wird nur privat gequatscht und wir tauschen uns als Freundinnen aus. Danach arbeiten wir wieder. Das hilft total, weil man merkt, dass auch abseits vom Business noch Platz für die Freundschaft ist.
Was wünscht ihr euch für die Zukunft von Birdy & Bee?
Petra: Ich persönlich wünsche mir, dass den Menschen nachhaltige Produkte wieder wichtiger werden. Wir wollen mit Birdy & Bee schon ein bisschen die Welt retten, aber es ist desillusionierend, wenn man das Gefühl hat, die Welt will zwar gerettet werden, aber die Menschen wollen die Welt gar nicht so wirklich retten. Wir haben so viel Mühe hineingesteckt, dass alles nachhaltig ist. Wir wollen nicht Teil des Problems sein, sondern Teil der Lösung. Wir wünschen uns für die Zukunft, dass das mehr im Vordergrund steht, generell in der ganzen Konsumgüterlandschaft.
Und was wollt ihr anderen Unternehmerinnen mit auf den Weg geben?
Sarah: Wir wollen auch zeigen, dass man, wenn man eine Vision hat und an etwas glaubt, dranbleiben soll. Wir kommen beide nicht aus reichem Haus und hatten keine großen finanziellen Mittel. Es gab sogar Monate, in denen wir nicht wirklich wussten, wie wir die Miete zahlen sollen. Und wir haben auch beide keinen Business-Background. Aber wir haben in den letzten Jahren so viel gelernt. Wenn man etwas machen will, muss man sich eben auch mit den Dingen beschäftigen, die einen vielleicht nicht so interessieren. Der Sprung ins kalte Wasser ist morgen auch nicht wärmer. Egal, wann du ihn tust, er wird immer gleich kalt bleiben. Irgendwann musst du das einfach machen. Und erst dann findest du heraus, dass es Rückschläge gibt. Damit wächst man auch.
Der Sprung ins kalte Wasser ist morgen auch nicht wärmer!
Sarah Anderl
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