Zdenka Becker

Zdenka Becker über ihre neues Buch “Tanzen im Kopf”

Die Autorin im Interview

6 Min.

© Eva Kern

Die 24-Stunden-Pflegerinnen aus dem früheren Ostblock. Unverzichtbare Erhalterinnen des Systems und zu oft nicht wirklich geachtet. Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin, Theaterautorin und Dramaturgin Zdenka Becker aus St. Pölten setzt diesen Frauen in ihrem neuesten, zutiefst berührenden Werk ein Denkmal. 

“Tanzen im Kopf”: Die Geschichte der slowakischen Pflegerin Mara

Sie leben zwei Leben. Das eine in ihrem Heimatland, wo sie arbeiten, Familien gründen und ihre Kinder großziehen; das andere, wo sie – weil ihre kleine Pension nicht reicht – als Frauen in ihren Sechzigern die Pflege eines Angehörigen in Gastfamilien übernehmen. 14 Tage hier, 14 Tage dort, zerrissen in zwei Welten, hier und dort oft unbedankt. Stellvertretend für diese Frauen erzählt Zdenka Becker die Geschichte der 66-jährigen Mara Balcova, einer pensionierten Krankenschwester und dreifachen Mutter aus der Slowakei, die sich am Rande der Landeshauptstadt hingebungsvoll um die schwer erkrankte, ehemals umjubelte Tänzerin Vivi kümmert. Eine Geschichte, getragen von tiefer Menschlichkeit und zarter Zuneigung, die zeigt, dass Menschen auch unter Leid und großer Mühe nicht zerbrechen, wenn sie durch liebevolle Achtung gestützt sind.

Zdenka Becker im Interview

Zdenka, was hat Sie zu diesem Buch, in dem Sie ungeschönt das Leben der Pflegerinnen beschreiben, bewogen?

Meine Freundin ist vor Jahren an ALS erkrankt. Sie war vom Beruf Ärztin und wusste von Anfang an, was sie erwartet. Was ich an ihr bewunderte war ihr klarer Kopf und die Entschlossenheit, das schwere Los nicht nur anzunehmen, sondern der verbliebenen Zeit Qualität abzuringen. Die Krankheit schritt schnell voran, bald konnte sie nur mit Stöcken gehen, nach ein paar Monaten überhaupt nicht mehr. Um sie abzulenken, las ich ihr aus meinen Manuskripten und Büchern vor oder erzählte von meinen Lesereisen. In dieser Zeit war ich sehr reisefreudig. USA, China, Korea, Indien… waren damals meine Ziele. Ihr Martyrium dauerte acht Jahre. Die letzten zwei davon lag sie nur apathisch im Bett, wobei ich nicht ahnte, ob sie weiß, dass ich da bin. Ich hielt nur ihre Hand und erzählte ihr etwas. Ich erinnere mich an das laute Ticken der Uhr im Zimmer. Als sie starb, nahm ich mir vor, dieses Buch zu schreiben, trotzdem dauerte es weitere Jahre, bis ich dazu fähig war. Die Emotionen waren zu stark und präsent.  

Sie beschreiben sehr konkret die Herausforderungen und Probleme…

Die Medizin hat mich schon immer interessiert. Ich fragte meine Freundin, wenn ich etwas wissen wollte, aber ich sah auch den Alltag. Die Ärzte und Therapeuten, die ins Haus kamen, und der Kontakt mit den Pflegerinnen. Manche waren professionell, manche liebevoll, manche streng. Die eine interessierte sich nur für mich, bewirtete mich mit Kaffee und Kuchen und vergaß dabei die Patientin, die andere flüchtete sofort, wenn ich gekommen bin. Es waren tolle und sehr bemühte Pflegerinnen dabei, aber auch solche, die sich nur dann nett um meine Freundin kümmerten, wenn Besuch da war.

In die Figur Vivi fließen auch sehr persönliche Erinnerungen ein…

Die Geschichte von Mara und Vivi ist ausgedacht. Vivi schrieb ich einige Eigenschaften meiner Freundin auf den Leib – die Vorliebe für das Schöne, den Mut zu kämpfen und ihren Humor. Aber ich habe mir auch bei den Pflegerinnen etwas abgeschaut. In den 1990-er und 2000-er Jahren habe ich slowakisches und tschechisches Krankenhauspersonal in Deutsch unterrichtet. Nicht selten rief jemand bei mir an und weinte sich bei mir aus. So erfuhr ich viel von privaten Schicksalen.


In der Pflege ist es unverzichtbar die Würde des Anderen hochzuhalten.

Zdenka Becker
Maras Geschichte erzählt eindrucksvoll von ihrer Heimat, von Traditionen und Festen, aber auch von harter Arbeit an der Seite eines alkoholsüchtigen Mannes. Ist die Entscheidung, für 14 Tage diesem Leben zu entfliehen auch ein emanzipatorischer Schritt?

Viele der Pflegerinnen kommen aus dem ländlichen Bereich und es hat sich einfach angeboten, von den Bräuchen in den Dörfern, aus denen sie stammen, zu schreiben. Diese Frauen sind meistens sehr verwurzelt mit ihrer Heimat, und gehen hauptsächlich des Geldes wegen ins Ausland arbeiten. Und ja, wie ich in persönlichen Gesprächen erfahren habe, spielt neben dem Gelderwerb auch eine Art Befreiung eine Rolle. Oft sind es die Angehörigen, die zu große Ansprüche stellen. Es herrscht immer noch die Meinung, wenn du im Ausland arbeitest, bist du reich. Die erwachsenen Kinder fordern Unterstützung ein, der daheimgebliebene Gatte, der sich minderwertig und verlassen vorkommt, rächt sich mit Lieblosigkeit. Nicht selten nimmt er sich eine Freundin, weil er so „einsam und verlassen“ ist. 

Mit den Pflegerinnen und den Gastfamilien treffen zwei Lebenswelten aufeinander. Wie gelingt ein gutes Zusammenleben?

Das Wichtigste ist Respekt und Verständnis für die Anderen – wie bei allen Angestellten. Wenn der Chef seine Mitarbeiter tritt, werden sie nur ein Mittelmaß an Leistung erbringen. Wenn er sie aber spüren lässt, dass sie ein unverzichtbarer Teil der Firma sind, geschätzt und gefördert, ziehen sie mit ihm an einem Strang. In der Pflege ist es unverzichtbar die Würde des Anderen hochzuhalten. Wie wäre es sonst möglich, die intimsten Vorgänge durchzuführen und an sich durchführen zu lassen, und sich trotzdem als wertvoller Mensch zu fühlen?

Unter den vielen Auszeichnungen haben Sie auch das große Ehrenzeichen um die Verdienste des Landes Niederösterreich erhalten. Wie sehr sind Sie mit NÖ verbunden?

Ich hatte eine wunderschöne Kindheit bei meinen Großeltern in der Slowakei. Nach der Heirat kam ich zuerst nach Wien, dann nach Niederösterreich. Ob es bewusst oder unbewusst war, weiß ich nicht, aber wir wohnen in einem ähnlichen Haus, umgebenen von einem großen Garten, wie damals bei den Großeltern. Die Natur rundherum, die nahen Städte, die Menschen, die Mentalität… das alles beschert mir ein gutes Gefühl. Mit einem Wort, ich bin hier zu Hause. 

Über Zdenka Becker

Bevor Zdenka Becker im Jahr 1975 nach Niederösterreich übersiedelte und die österreichische Staatsbürgerschaft erhielt, studierte sie in ihrer Heimatstadt Bratislava Wirtschaftswissenschaft, dem ein Dolmetsch-Studium in Wien folgte. Die lange Liste ihrer Arbeiten für das Theater, den Film „Berg“, sowie ihrer zahlreichen Bücher finden Sie auf ihrer Website. Die St. Pöltnerin spricht und träumt in fünf Sprachen, schreibt eine Europa-Kolumne in der Kulturzeitschrift „morgen“, und wurde für ihr Werk vielfach geehrt. Am 26. März 2026 um 19.00 Uhr liest Zdenka Becker in der Stadtbibliothek St. Pölten. Alle Termine findet ihr auf www.zdenkabecker.at

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