© Tulatu Porträt Angelika Kelch
Manchmal entstehen die ehrlichsten Geschichten dort, wo Menschen am liebsten wegsehen würden. Die 20-jährige Salzburgerin hat genau diesen Moment zum Mittelpunkt ihres Filmprojekts „Ashamed“ gemacht. Sie erzählt von Angst, Scham und Selbstzweifeln – aber vor allem von Mut, Veränderung und der Kraft, sich selbst anzunehmen. Eine Begegnung über Musik, Heilung und den Wert echter Ehrlichkeit.

DAS KÖNNTE DICH AUCH INTERESSIEREN:
Sophia Plätzer: Ihr Leben und ihre Karriere
Das Café am Rande der Freundlichkeit: Das Podcast-Trio im Interview
Alfons Haider: Was ich meinem jüngeren Ich raten würde
Was bedeutet dein Künstlername TULATU?
Lea Andexlinger: TULATU ist eine Abwandlung eines afrikanischen Schlafliedes, das meine Mama mir immer vorgesungen hat. Das ursprüngliche Lied heißt „Thula Baba“ und stammt aus der Sprache Zulu. Leider kann ich es nicht originalgetreu nachsingen, weil meine Mama die Melodie immer ein wenig verändert und meist nur gesummt hat. Daraus ist schließlich „TULATU“ entstanden.
Wie wichtig ist Musik für dich im Leben?
Musik ist für mich wie die Luft zum Atmen – sie ist existenziell. Ich glaube, Musik ist das Schönste, Schwierigste und Komplexeste, was es gibt. Ich habe eine ganz besondere Beziehung zu ihr. Manchmal ist sie eine Obsession, manchmal frustriert sie mich, manchmal versetzt sie mich in einen tranceartigen Zustand. Vor allem aber ist sie die Sprache, die ich spreche, wenn ich selbst nicht verstehe, was in meinem Kopf und meinem Herzen vorgeht. Musik hilft mir, Gefühle auszudrücken, für die ich keine Worte finde.
War für dich schon immer klar, dass du beruflich Musik machen möchtest?
Lustigerweise überhaupt nicht. Musik war für mich einfach immer da – so selbstverständlich wie das Atmen. Erst mit etwa 18 Jahren habe ich erkannt, dass sie nicht nur ein Teil meiner Gefühlswelt ist, sondern auch etwas, womit ich Menschen erreichen kann. Erst als das Musikbusiness auf mich zukam, wurde mir bewusst, dass daraus tatsächlich ein Beruf werden könnte.
Du bist bereits auf großen Bühnen aufgetreten, unter anderem beim Electric Love Festival. Was war bisher der schönste Moment deiner Musikkarriere?
Es gab viele wunderschöne Momente, aber einer hat mich besonders berührt: mein Auftritt beim Donauinselfest in diesem Jahr. Zwei Wochen zuvor hatte ich einen schweren Badeunfall. Deshalb musste ich auch meinen Auftritt beim Stadtfest Salzburg absagen und lange war unklar, ob ich überhaupt wieder auf einer Bühne stehen könnte.
Als ich schließlich auftreten durfte, trug ich ein Korsett, das meinen Rücken stabilisierte. Ich durfte meinen Arm und meinen Rücken kaum bewegen und musste bei jeder Bewegung aufpassen. Gleichzeitig waren genau diese Zerbrechlichkeit meines Körpers und die Verletzlichkeit meiner Songs auf der Bühne spürbar. Es war unglaublich ehrlich und authentisch – genau das, wonach ich in meiner Musik suche.
Meine Band, meine Freund und das Publikum haben mich durch diesen Moment getragen. Nach dem Konzert sind wir von der Bühne gegangen und ich habe einfach nur geweint. Die Musik hat mir in dieser Zeit unglaublich viel Kraft gegeben. So kitschig es vielleicht klingt – sie hat mich auf eine gewisse Weise geheilt.
Wie würdest du dich selbst beschreiben?
Ich würde sagen: sehr komplex. Irgendwie wie ein Wirbelsturm, in dem gleichzeitig ein Schmetterling fliegt. Ich trage viel Ruhe, Liebe und Wandelbarkeit in mir. Genau das spiegelt auch meine Musik wider.
Steckt deine Persönlichkeit vollständig in deiner Musik?
Ja, zu hundert Prozent. Wer meine Musik hört, lernt mich wahrscheinlich besser kennen als viele Menschen in meinem privaten Umfeld.
Die Entstehung eines Songs ist für mich vollkommen ehrlich. Oft schreibe ich einen Song und weiß zunächst gar nicht, worüber ich eigentlich schreibe. Erst Monate später höre ich ihn wieder, lese den Text und verstehe plötzlich, welche Gefühle ich damals verarbeitet habe.
Sobald ein Song veröffentlicht wird und Teil des Musikbusiness wird, verändert sich natürlich etwas. Dann muss ich lernen, zwischen Ehrlichkeit und Selbstschutz zu unterscheiden. Ehrlich zu sein bedeutet nicht, jedem alles über mein Privatleben erzählen zu müssen. Es gibt Dinge, die man bewusst für sich behalten darf. Diese Balance zu finden, ist schwierig – aber wichtig.
Wo findest du die Inspiration für deine Songs?
Inspiration entsteht bei mir fast ausschließlich aus Gefühlen. Es sind persönliche Erfahrungen, zwischenmenschliche Beziehungen oder Situationen, die mich emotional bewegen.
Ich tauche so tief in Emotionen ein, dass sie für mich mehr sind als nur Gefühle. Ich sehe sie in Farben, ich spüre sie körperlich und ich höre sie sogar. Genau daraus entsteht schließlich meine Musik. Für mich haben Emotionen einen eigenen Klang.
Neben der Musik machst du auch Filmprojekte. Diesen Sommer hast du deinen Film „Ashamed“ veröffentlicht. Was war die Idee dahinter?
Der Grund, warum „Ashamed“ entstanden ist, waren weniger Gedanken, sondern vor allem Gefühle.
Ich gehe schon lange und sehr gerne in Therapie. Dort habe ich gelernt, diesen inneren Wirbelsturm, den ich in mir trage, besser zu verstehen und zu verarbeiten.
Die Essstörung und auch die Scham wären wahrscheinlich nie zu diesem Projekt geworden, wenn ich diese Gefühle nicht irgendwann greifen hätte können.
Lange konnte ich gar nicht benennen, was eigentlich in mir passiert. Die erste Form, in der ich überhaupt bemerkt habe, dass etwas nicht stimmt, war durch Musik. Ich bin zum Klavier gegangen und habe einen Song geschrieben.
Damals wusste ich gar nicht, worüber ich schreibe. Erst Jahre später, als ich den Song wieder gehört habe, wurde mir bewusst: Ich habe darin genau beschrieben, wie sich meine Essstörung angefühlt hat – und auch diese Scham, die damit verbunden war.
Irgendwann habe ich mir gedacht: Meine größte Angst ist, dass die Welt davon erfährt. Dass meine Freund davon wissen. Dass irgendjemand meine Schwäche sieht.
Und dann dachte ich mir: Dann erzähle ich es eben der ganzen Welt. Ich baue ein riesiges Projekt daraus, sodass die Menschen, wenn sie etwas über mich erfahren wollen, zuerst auch diese Geschichte kennenlernen.
Magst du erzählen, wie deine Essstörung entstanden ist und wie sie sich auf dein Leben ausgewirkt hat?
Ich glaube, es hat begonnen, wie es bei vielen Menschen beginnt: mit dem Gefühl, nicht gut genug zu sein. Natürlich reicht das oft schon bis in die Kindheit zurück, weil gerade Frauen sehr früh mit bestimmten Schönheitsidealen konfrontiert werden. Aber mein Essverhalten hat sich mit etwa 16 Jahren wirklich verändert.
Ich war damals aus Amerika zurückgekommen. Dort verändert sich durch die Ernährung und den Lebensstil bei vielen Menschen das Gewicht. Als ich zurückkam, wurde ich plötzlich anders behandelt.
Vor allem als Frau merkt man sehr schnell, wenn man nicht dem gesellschaftlichen Schönheitsideal entspricht. Man wird entweder unsichtbar gemacht oder auf eine unangenehme Art sichtbar. Beides fühlt sich nicht wertschätzend an. Das Wichtigste ist aber: Eine Essstörung hat eigentlich nichts mit Essen zu tun. Essen ist nicht der Feind. Es ist ein Bewältigungsmechanismus.
Man versucht, über etwas Kontrolle zu bekommen, wenn man das Gefühl hat, andere Bereiche des Lebens nicht kontrollieren zu können. Bei mir war es das Streben nach einem bestimmten Schönheitsideal. Ich habe versucht, mich an etwas festzuhalten, das eigentlich gar nicht ich war.
Hast du dir dabei Hilfe geholt?
Ja, ich war in Therapie. Aber auch das war nicht immer einfach. Es gab sogar eine Phase, in der ich aufgehört habe hinzugehen, weil ich Angst hatte, dass meine Therapeutin erkennt, was wirklich los ist. Dabei war genau das eigentlich das, was ich gebraucht hätte.
Die Essstörung fühlt sich manchmal wie ein bester Freund an, obwohl sie einem schadet. Sie gibt dir kurzfristig dieses Gefühl von Kontrolle und Erleichterung. Ich erinnere mich daran, dass ich nach Partys manchmal nach Hause gegangen bin und mich schon darauf gefreut habe, eine Essattacke zu haben – einfach, um diesen Druck loszulassen. Bei mir war Essen dieses Ventil.
Warum ist es dir wichtig, heute so offen über deine Geschichte zu sprechen?
Weil ich dieses Gefühl kenne, wenn man sich schämt und glaubt, alleine damit zu sein. Ich hatte niemanden, der dieses Thema ehrlich repräsentiert hat. Niemanden, der gezeigt hat: Ich habe auch Scham. Ich bin nicht perfekt. Ich habe Schwierigkeiten.
Viele Menschen, die als Vorbilder auftreten, vermitteln oft das Bild: „Ich liebe meinen Körper immer, alles ist gut und ich bin komplett angekommen.“ Aber das fühlt sich für viele Menschen nicht echt an.
Ich wollte zeigen, dass auch Unsicherheit, Zweifel und Scham Teil des Lebens sein können. Natürlich mache ich mich dadurch auch verletzlich. Aber genau darum geht es. Wenn niemand darüber spricht, bleibt dieses Gefühl bestehen, dass man alleine damit ist.
Wie beeinflussen Social Media und Schönheitsideale deiner Meinung nach junge Menschen?
Ich glaube, das größte Problem ist, dass unser Gehirn mit dieser Menge an Informationen eigentlich eigentlich überfordert ist. Wir sind nicht dafür gemacht, täglich tausende Leben, Meinungen und Perspektiven zu konsumieren. Wenn wir eine halbe Stunde durch Social Media scrollen, sehen wir vielleicht hunderte Gesichter, Geschichten und Lebensstile.
Unser Gehirn kann irgendwann nicht mehr unterscheiden: Was ist für mich wichtig? Was ist Realität? Was ist nur eine Momentaufnahme? Social Media ist eine Darstellung der Realität – aber nicht die Realität selbst. Wir sehen einen kurzen Ausschnitt aus einem Leben. Wir sehen nicht die lange Vorbereitung, die Filter, die Unsicherheiten oder die schwierigen Momente dahinter.
Warum fällt es unserer Gesellschaft so schwer, über Scham und Schwächen zu sprechen?
Ich glaube, das war historisch schon immer so. Schwäche bedeutete früher oft, dass man aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde. Dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit steckt bis heute in uns. Viele Menschen glauben deshalb, verletzlich zu sein bedeute, schwach zu sein. Ich sehe das anders. Für mich bedeutet Verletzlichkeit Stärke. Denn wer sich zeigen kann, weiß auch, dass er mit den Reaktionen umgehen kann. Social Media verstärkt den Druck zusätzlich. Wir sehen ständig perfekte Körper, perfekte Beziehungen und perfekten Erfolg. Dabei vergessen wir, dass wir immer nur einen kleinen Ausschnitt sehen. Dadurch entsteht der Eindruck, alle anderen hätten ihr Leben im Griff – nur man selbst nicht.
Was bedeutet Erfolg für dich heute?
Erfolg bedeutet für mich heute vor allem, präsent zu sein. Ich kann TULATU sein, ich kann Lea sein – aber ich bin wirklich da. Ich spüre meine Gefühle, ich nehme den Moment wahr und ich bin nicht ständig auf der Suche nach etwas anderem. Wenn ich vor drei Menschen spiele und vollkommen präsent bin, dann ist das Erfolg. Diese drei Menschen schenken mir gerade ihre Lebenszeit und erlauben mir, meine Kunst mit ihnen zu teilen. Und wenn ich vor 50.000 Menschen beim Electric Love Festival stehe und genauso präsent bin, dann ist das derselbe Erfolg.
Wirst du dich künftig stärker auf Filmprojekte oder auf die Musik konzentrieren?
Auf beides. Musik bleibt mein Zuhause, aber Film eröffnet mir eine weitere Möglichkeit, Geschichten zu erzählen. Gerade arbeiten wir an meinem neuen Album. Es ist musikalisch bereits fertig, wird aber erst nächstes Jahr erscheinen. Bis dahin entsteht noch unglaublich viel.
Mehr über die Autorin dieses Beitrags

Elisabeth Trauner ist Redakteurin bei Unser SALZBURG und mit Stift, Block und Herz immer zur Stelle, wenn Menschen spannende Geschichten zu erzählen haben. Sie hört Podcasts, braucht Krimis und True Crime-Dokus zum Einschlafen und probiert gerne neue Kochrezepte aus, die aber meistens komplett schief gehen.