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Paartherapeutin Julia Henchen: “Lust ist politisch”

Julia Henchen, Paar- und Sexualtherapeutin & Autorin von "Lust Macht Begehren" im Talk

9 Min.

© Unsplash/ Klara Kulikova

Darf Sexualität heutzutage eigentlich noch unfeministisch sein? Wie patriarchale Mythen uns prägen und wie wir selbstbestimmte Lust leben lernen.

Glauben Sie, dass Sie selbstbestimmt ihre Sexualität ausleben?

Wer bestimmt überhaupt, was selbstbestimmt in diesem Kontext bedeutet und ist frei ausgelebte Lust überhaupt jemals erreichbar? Julia Henchen ist Paar- und Sexualtherapeutin und Autorin. In ihrem im November erscheinenden Buch “Lust Macht Begehren” wagt sie einen feministischen Blick auf Sexualität, der mit Mythen bricht und echte Nähe ermöglichen soll – Paarübungen für Zuhause inklusive. Wir sprachen mit ihr über Beziehungsmuster, wer von patriarchalen Mythen übers Sexleben profitiert und was man tun kann, wenn der eigene Partner Veränderung “zu unangenehm” findet.

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Annika Fusswinkel

Julia Henchen im Interview

Sie sagen: “Lust ist politisch.” Was meinen Sie damit?

Julia Henchen: Es gibt diesen schönen Satz von Simone de Beauvoir: Das Private ist politisch. Die Politik redet bei unserem Sexleben viel mit und das ist uns oft gar nicht so bewusst. Sei es, wenn es um Reproduktionsrechte geht, das Abtreibungsgesetz beispielweise oder auch Verhütung und welche Kosten und Verfügbarkeiten gegeben sind. Oder wenn es um eheliche Pflichten geht: Es ist nämlich noch gar nicht so lange her, dass die Vergewaltigung in der Ehe ausdrücklich in § 177 StGB aufgenommen wurde in Deutschland (1997, Anm.). Übrigens hat Friedrich Merz damals gegen den konkreten Gesetzentwurf ohne Widerspruchsklausel gestimmt.

Der Staat spricht viel mit, wenn es um unsere Sexualität geht. Was ich aber auch meine, ist die Tatsache, dass wir Lust und Sexualität oft als individuelles Problem behandeln. Ein Beispiel: Kommt ein Paar zu mir, heißt es, es gibt ein sexuelles Problem. Bei uns stimmt etwas nicht und wir müssen es lösen. Meistens ist damit gemeint, die Frau muss es lösen. Das ist dann eine weitere politische Ebene. Wenn wir genauer hinschauen, was die Probleme sind, dann ist es meistens kein persönliches Problem, sondern ein strukturelles politisches Thema. Zum Beispiel das Patriarchat, was sehr stark vorgibt, was wir als Sexualität definieren. Dabei entstehen Machtverhältnisse.

Welche gesellschaftlichen Erwartungen oder Normen wirken sich Ihrer Meinung nach am stärksten auf unsere Lust aus?

Die Sozialisation an sich. Wie werden Frauen zu Frauen gemacht und wie werden Männer zu Männern. Das wirkt auf Sexualität und Beziehung ein, weil dadurch vordefiniert ist, wie man sich verhalten soll – welche Rolle ich als Frau in einer Beziehung habe und innerhalb von Sexualität. Frauen sollen eher zurückhaltend sein, sollen eher begehren. Frauen und Mädchen lernen schon von klein auf, dass sie sich kümmern sollen, wodurch sie Beziehungspflege und Beziehungsarbeit lernen. Männer lernen hingegen sehr früh, dass es um Leistung geht. Dass Sexualität der einzige Raum ist, an dem sie Gefühle zeigen dürfen und das akzeptiert ist.

In Ihrem Buch schreiben Sie über den Zusammenhang zwischen ungleich verteilter Care-Arbeit und Lustlosigkeit. Warum ist das Thema so wichtig und gleichzeitig so wenig präsent in der öffentlichen Diskussion?

Mental Load wirkt stark auf unsere Lust. Auch das ist eine große politische Dimension: Die Gesellschaft profitiert davon, dass Frauen kostenlose Arbeit machen und sich um Kinder kümmern. Die Reaktionen auf Stockers (Bundeskanzler Christian Stocker, Anm.) Aussage im Sommer, dass Care Arbeit keine Arbeit sei, war für mich sehr spannend, denn sie zeigt, dass sich hier gerade gesellschaftlich sehr viel ändert und das gesehen wird. Das zeigt sich auch in meiner Beratung. Hier geht es nicht um Diskussionen auf einer Metaebene in der Gesellschaft, sondern die Paare erleben die Auswirkungen tagtäglich. Welche Auswirkungen das auf Lust hat.

Stellen Sie sich vor, Sie laufen gestresst vor einem Tiger weg. In diesem Stress-Modus haben Sie bestimmt keine Lust. Bei alltäglichem Stress hat man für Sex keine Kapazitäten. So gesehen würde ich sogar sagen, dass Lust zu haben generell ein Privileg ist. Beispielsweise hat ein weißer Mann per se durch den Stand, den er in der Gesellschaft hat, und wie er seine sexuelle Lust ausleben kann, schon Privilegien. Das muss uns bewusst sein. In der Paarberatung habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sehr schwierig wird eine lustvolle Beziehung zurückzuerlangen, wenn ein Mann nicht an den Punkt kommt, das zu verstehen.

Wir müssen verstehen, dass jede Beziehung eine Machtdynamik hat.

Julia Henchen, Autorin & Paartherapeutin

Was können Paare tun, wenn sie merken, dass Machtungleichgewichte ihre Beziehung und Sexualität belasten?

Wir müssen verstehen, dass jede Beziehung eine Machtdynamik und eine Machtungleichheit hat. Es geht darum, wie wir damit umgehen. Wir müssen bereit sein, unsere Privilegien zu hinterfragen, offen zu legen und zu schauen, ob man an sich arbeiten muss. Das ist ein unangenehmer Prozess. Manchmal kommt man an den Punkt, wo es eine Person dann nicht schafft und nicht mitzieht. Oder Männer, die das mit Begleitung in einer Paartherapie ändern wollen. Dabei bin ich in meiner Rolle sehr ehrlich, aber natürlich sensibel und vorsichtig. Schlussendlich profitiert die Beziehung, wenn wir Machtdynamiken offenlegen.

Sprechen wir hier ausschließlich von heterosexuellen Paaren?

Vor allem durch Social Media haben wir oft die Diskussion “Mann gegen Frau”. Das ist zwar ein wichtiger Aspekt, aber Privilegien sind nicht nur mit Geschlecht verbunden. Es ist eher eine Machtfrage, da können Länder, Minderheiten, etc. auch eine wesentliche Rolle spielen.

Kann man auch ohne Paartherapie an Machtdynamiken arbeiten?

Auf jeden Fall kann man das auch als Paar zusammen machen. Wenn beide bereit sind hinzuschauen, dann funktioniert das. Darum geht es mir auch in meinem Buch, in das ich Übungen für Paare eingebunden habe, die sie zuhause ausprobieren können. Paartherapie kann unterstützen und ist eine Instanz, die das Problem klar benennt. Ich bin auch der Meinung, dass nicht jede Paartherapie hilfreich ist.

Muss Paartherapie feministisch sein?

Ich finde, dass jede Therapie feministisch sein sollte, weil sonst bringt sie nichts. Es geht um die Gleichstellung aller Menschen, die im Raum sind und wenn das nicht die Basis ist, mit der ich arbeite, dann kann ich es aus meiner Sicht ganz lassen. Wenn ich keine feministische Grundhaltung habe, dann wird sich langfristig nichts ändern. Ich empfehle auch immer gut zu recherchieren: Ist mir die:der Paartherapeut:in sympathisch? Stimmen die Werte überein? Man kann das auch im Vorfeld bei Anfragen konkret abklären und fragen, wie die Person zu gewissen Themen steht. Das entscheidende für den Erfolg von der Therapie ist immer die Beziehung zur therapierenden Person, dazu gibt es auch Studien, die das belegen.

Welche Mythen über Lust und Sexualität halten sich besonders hartnäckig?

Hartnäckig sind Mythen, die sich um die Biologie drehen. Beispielsweise Frauen haben von Natur aus weniger Lust. Die sind alle totaler Quatsch, weil Lust immer mit Kontext zu tun hat. Oder Sex wäre gesund. Sex ist nicht per se gesund, sondern es kommt auch da auf den Kontext an. Das ist ein Mythos, der sich durch ganz viele Ideen in unserer Geschichte eingeprägt hat. Der Staat, die Kirche – da gibt es viele, die dazu beitragen, dass so ein Mythos aufrechterhalten bleibt.

Oder die Idee, dass regelmäßiger Solosex gesund sei für Männer. Das wurde so dermaßen oft untersucht, um das irgendwie zu beweisen, aber jedes Mal war das Ergebnis, dass es keinen Unterschied macht. Das ist krass mit welcher Vehemenz danach geforscht wird. Wie könnten wir beweisen, dass Männer das brauchen? Auch das zeigt Ungleichgewichte. Das sind Mythen, die einen Zweck haben und der Zweck ist, dass man am Ende die weibliche Sexualität kontrollieren kann. Deshalb ist mir diese Aufarbeitung so wichtig, denn diese Mythen laufen am Ende wieder zu Macht zusammen.

Wir können nicht sagen: Morgen schaffen wir das Patriarchat ab.

Julia Henchen, Autorin & Paartherapeutin

Wie können Menschen im Alltag anfangen, diese Mythen zu hinterfragen? Gibt es eine Art “Aha-Moment”, den Sie in Ihrer Praxis oft beobachten?

Solche Momente sehe ich immer dann, wenn Paare zu mir kommen und das Problem lautet, dass die Frau keine Lust hat. Dann sage ich: Sie haben also kein Lustproblem, sondern Sie haben ein Kommunikationsproblem oder ein Organisationsproblem oder ein Machtproblem. Ich nehme dieses Problem von der Lust raus und mache klar, dass Lust ja da wäre, aber nicht bedingungslos. Männer haben später diesen Moment, wenn sie verstehen, dass sich die Frau verändert hat, anders mit Dingen umgeht und sie sich jetzt auch ändern müssen. Dann kommt nochmal ein Aha-Moment, wenn sie sehen, dass das ihrer Beziehung guttut. Das ist für mich immer der schönste Moment.

Wie kann man als Frau selbstbestimmt Lust leben?

Der erste Schritt ist zu erkennen, dass man die eigene Sexualität von diesen Mythen und patriarchalen Zuschreibungen löst und man sich fragt, wer denn etwas davon hat, dass ich mich gerade unsicher fühle. Wer hat denn was davon, dass ich nicht im Kontakt mit meiner Lust bin? Keine Lust zu haben hat nichts mit prüde sein zu tun, sondern liegt an Umständen. Das zu lösen und zu verstehen, dass man nicht allein ist, dass man auch Grenzen setzen kann und ein Nein nicht automatisch immer ein Nein zu Sex im Allgemeinen ist. Man muss auch nicht jeden Tag selbstsicher mit seiner Sexualität sein, das wäre ein sehr hoher Anspruch.

Wenn Sie an die Zukunft denken: Wie könnten Sexualität und Beziehungen in einer wirklich gleichberechtigten Gesellschaft aussehen?

Wir können nicht sagen, dass wir morgen das Patriarchat abschaffen. Das ist unrealistisch. Aber als Paar kann man keine 200 Jahre abwarten, sondern wir brauchen jetzt eine Lösung, während das Patriarchat noch stattfindet. Wenn wir es schaffen, gesellschaftlich mehr Veränderung herzubekommen, dann wird sich aus dem Inneren heraus auch viel mehr nach außen zeigen. Das kommt in der Regel von Frauen, schwarzen Frauen oft, die das in den letzten Jahrhunderten immer wieder so gemacht haben. Die waren wütend. Die haben das benannt und dann haben sich Dinge verändert. Ich denke schon, dass wir in einer Zeit Leben, in der das gerade passiert.

Für die individuelle Beziehung muss es bedeuten, dass Männer sagen: Okay, ich wünsche mir auch, dass wir eine authentische Beziehung haben, ich will das, ich sehe Machtdynamiken und ich arbeite daran. Ich würde mir wünschen, dass Paare sehen, dass sie etwas davon haben, wenn sie sich damit auseinandersetzen.

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Lust Macht Begehren von Julia Henchen, ISBN 978-3-7474-0790-5, Mvg Verlag, um € 19,– ab 17. 11. erhältlich

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