Weibliche Statue

Wie problematisch virale Schönheitsideale wirklich sind

Das steckt hinter #Skinnytok & Looksmaxxing

9 Min.

© Unsplash/ Andres Rodriguez

Skinny is back! Zumindest laut freudigen Social-Media-Ausrufen. Unter dem Hashtag #Skinnytok kursierten bis zur Sperrung durch TikTok selbst alle möglichen Videos zum Thema dünn sein – von Motivationsvideos über Abnehmspritzenwerbung bis hin zur Glorifizierung von Essstörungen. Immer mit dabei: Kate Moss’ Zitat „Nothing tastes as good as skinny feels“. Doch solche Videos sind nur die Spitze des Eisbergs eines ästhetischen und politischen Richtungswechsels. Wir haben mit Expertinnen über moderne Schönheits-ideale gesprochen.

Wenn Kurven-Ikonen wie Kylie Jenner stillheimlich ihre Implantate entfernen lassen und Shirin David mit Zeilen wie „Geh‘ ins Gymmie, werde skinny, mach‘ daraus eine Show“ die Charts aufmischt, läuten die Alarmglocken: Wir müssen uns anpassen! Immerhin sind Kylie und Shirin nicht allein auf der Mission, das Schönheitsideal wieder mal „neu“ zu definieren. Dass Frauenkörper gewissen Trends entsprechen sollen, ist nichts neues. So gab es schon in längst vergangenen Jahrhunderten Ideale, denen sich Frauen beugen sollten. Ob Venus von Willendorf als Fruchtbarkeitssymbol, der androgyne Flapper-Look der 1920er oder der Cul de Paris für einen großen Po – been there, done that. Mit dem Aufkommen der Y2K-Ästhetik der frühen 2000er Jahre besucht uns nun auch das magere Idealbild von damals erneut. Kurze Erinnerung: In allen möglichen Medien wurde über die Körper von (berühmten) Frauen diskutiert, sie degradiert und zur Schau gestellt. Fatshaming stand an der Tagesordnung, wie auch bei früheren Staffeln von Germany’s next Topmodel, in denen Heidi Klum und Thomas Hayo alles andere als nette Worte für alle über Kleidergröße 34 fanden.

„Dass nun wieder ein viel strengeres, ganz mageres Schönheitsideal so viel Raum bekommt, hat mit mehreren Entwicklungen zu tun: der Normalisierung von so genannten „Abnehmspritzen“ in weiten Teilen der Bevölkerung, der Verbreitung von Filtern und KI-Anwendungen, die die immer selben Normkörper produzieren und unsere Wahrnehmung von alltäglichen Körpern verzerren.“, erklärt Dr. Elisabeth Lechner, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin an der Uni Wien.

Insbesondere das Aufkommen von Abnehmspritzen wie Ozempic fördert den Magerwahn: Wer sich eine Spritze verschreiben lässt, kann jetzt auch „endlich“ dünn sein, dazugehören. Hat Meghan Trainor vor ein paar Jahren noch ihren kurvigen Körper besungen, wird heute über ihren drastischen Gewichtsverlust diskutiert. Das Spannende: Während ein schlanker Körper lange als Zeichen für Disziplin galt, ermöglichen die Spritzen eine neue Logik. Es gibt scheinbar keinen Grund mehr, nicht dünn zu sein.

Stille Schönheit – wie Mode uns klein macht

Auch auf den diesjährigen Fashion Weeks war dieser Shift zu spüren. Wo vor einigen Jahren noch Diversity gepredigt wurde, ist heute nur noch wenig davon sichtbar. Die Mid- und Plus-Size-Repräsentation der New York Fashion Week ist beispielsweise innerhalb einer Saison von 6% auf 4% gefallen; laut dem Vogue Business Diversity Report liefen in der letzten Saison insgesamt weniger als 3% Mid- und Plus-Size-Models über die Laufstege. Während Ende der 2010er und Anfang der 2020er Body Diversity ein unumgängliches Thema war, reiht sich körperliche Vielfalt nun wieder im Hintergrund ein.

Die Mode verrät diesen Schritt hin zu klassischen Bildern ohnehin schon lange: Seit Jahren liegen Quiet Luxury und Old Money im Trend. Beides Looks, die aus konservativen, wohlhabenden Kreisen stammen. Elegante Schnitte, gedeckte Farben, ja nicht zu auffällig – still eben. Auch die momentane Selfcare-Welle greift diese hyperfeminine und filigrane Ästhetik auf. Die Pilates-Silhouette, der dünne, federleichte Körper, frei von Tattoos, frei von Ecken und Kanten. Es ist ein Look, der traditionell als rein, gepflegt und unauffällig gilt. Ideale, die seit jeher mit dem Weißsein verbunden werden, betont Dr. Lechner.

So politisch ist #Skinnytok

In feministischen Theorien ist der Zusammenhang zwischen konservativer Politik und dünnen Frauen ein altbekanntes Thema, sagt Dr. Lechner: „Wer sich nur darauf konzentriert einem Ideal zu entsprechen – dauernd hungert und Schönheitsarbeit macht – verwendet diese Ressourcen (die Zeit, das Geld, die Energie) nicht für andere, etwa politische Aktivitäten. Nie den – von vornherein unerreichbaren – Ansprüchen zu genügen, ist ein Machtmechanismus des Patriarchats, der uns klein hält und von dem auch die Schönheitsindustrie profitiert, die mit unseren Unsicherheiten und immer neu erfundenen Problemzonen Milliardenprofite macht. Es gibt keine richtige Art, Frau zu sein. Genau so wird Druck ausgeübt, denn wer ist je dünn, schön und gehorsam genug?“

Unfreiwilliges Zölibat: Das sind Incels

Parallel dazu entsteht in den Tiefen der Onlinekultur ein männliches Pendant: Looksmaxxing. Der Begriff stammt aus der Incel-Szene und bedeutet so viel wie das Maximum an Schönheit aus sich selbst rauszuholen. Und auch hier führen alle Wege zurück in konservative Ideallandschaften, zurück zum abgehärteten, starken Mann.

Incel ist das Kurzwort für „Involuntarily Celibate“, zu Deutsch „unfreiwilliges Zölibat“. „Das Ganze begann in der Mitte der 90er als Selbsthilfegruppe für Menschen unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung, die gerne eine romantische und sexuelle Beziehung hätten, aber keine haben und entwickelte sich ab Mitte der 2000er-Jahre durch den Einfluss von Plattformen wie 4chan oder dem Forum Loveshy letztendlich zu einer rein cis-männlichen, heterosexuellen, extrem misogynen Online-Subkultur.“, erläutert Autorin Veronika Kracher, die dem Thema ein eigenes Buch widmete. Dabei sehen sich Betroffene nicht als Teil einer Bewegung, sondern das unfreiwillige Zölibat wird als Lebensumstand beschrieben.

Incels weisen dabei Frauen die Schuld für ihr nicht- bis wenig existentes Liebesleben zu. Diese seien oberflächliche Wesen, denen bei ihrer Männerwahl nur Aussehen, Status und Liquidität wichtig seien; Feminismus und sexuelle Freiheit werden dabei zum Feindbild auserkoren. Grundsätzlich sind Incels hauptsächlich in Onlineforen aktiv, ihre zu Wut gewordene Einsamkeit führte allerdings schon zu realen Gewalttaten, auch die Attentate in Halle und Hanau werden mit der Szene in Verbindung gebracht.

Wer “Adolescence” gesehen hat, dürfte schon mit ihnen in Kontakt gekommen sein – die in der Netflix Serie aufkommende 80/20 Regel, die besagt, dass 80% der Frauen an nur 20% der Männer interessiert seien, stammt aus der Incel-Szene. „Attraktive Männer sind die sogenannten „Chads“, quasi die Gewinner der Gesellschaft. Alle Frauen reißen sich um sie, deswegen haben auch nur die 20 obersten Prozent der Männer, eben diese Chads, Sex.“, erklärt Kracher. Möchten die Incels also Frauen für sich begeistern, müssen sie laut ihrer Ideologie sämtliche ästhetischen und sozialen Standards erfüllen, deren Idealbild sie als Chad beschreiben.

Was ist Looksmaxxing?

„Um dem Zustand des hässlichen, und damit ungeliebten und unbegehrten Mannes zu entkommen, versuchen einige Incels mit dem sogenannten „Looksmaxxing“ ihr Aussehen zu verbessern.“, fährt Kracher fort. Dabei werden Vorbilder herangezogen, die mit echten Menschen eher wenig zu tun haben. So beispielsweise die Werke des nationalsozialistischen Bildhauers Arno Breker. Seine Skulpturen zeigen den idealen, muskulösen arischen Mann, ausstaffiert mit hohen Wangenknochen, kantigem Kiefer und stechenden Augen. Auch reale Menschen, wie Chris Hemsworth, werden als Vorzeigebeispiel auserkoren. Kracher betont dabei, dass diese Ideale für normale Menschen, deren Job nicht an
ihrem Aussehen hängt, unerreichbar seien.

Looksmaxxing geht von einem Männlichkeitsidealbild aus, das ja in der Realität eigentlich gar nicht existiert.

Veronika Kracher

In dedizierten Looksmaxxing-Foren posten Männer Bilder ihrer Gesichter und Körper, um sich von anderen Männern auf einer eigenen Incel-Skala von eins bis zehn bewerten zu lassen und sich über diverse Selbstoptimierungstipps und Datingerfahrungen auszutauschen, viele der User sind erst Teenager. Neben den Bewertungsbeiträgen finden sich Beauty-Guides, darunter Informationen über Chemikalien, die das Abnehmen fördern sollen (bei deren Einnahme man einen Hitzetod erleiden kann), Steroide zum Muskelaufbau und verschiedenste Schönheitsoperationen, wie das Aufschneiden der Mundwinkel, um breitere Lippen zu erzielen (Der Mund solle 1,5-mal so breit sein, wie die Nase). Auch über Botox, Make Up, Filler und Laserbehandlungen wird sinniert. „Ein schönes Aussehen, das ist für sie das ultimative Heilversprechen.“, sagt Kracher.

Andere Beispiele für Looksmaxxing sind das sogenannte „Mewing“, eine Technik bei der durch gezielte Zungen- und Kieferkontrolle eine starke Jawline, also Kieferpartie erreicht werden soll. Auch das Verwenden von Minoxidil, eines Medikamentes für Haarwuchs wird in diversen Foren propagiert. Für manch einen sei der Zug allerdings schon abgefahren: Sie seien aufgrund von einer falschen Augenform oder einer nicht optimalen Knochenstruktur zu hässlich. „Subhuman“ werden unattraktive Männer genannt, also „Untermenschen“. Das ist nicht die einzige Verbindung zu nationalsozialistischen Ideologien, wie Kracher anmerkt: „Das sind immer sehr westliche Schönheitsstandards, die eine weiße Männlichkeit als Norm sehen, bei der Rassismus irgendwie inhärent ist. Weil damit gesagt wird, dass Gesichtszüge, zum Beispiel aus dem afrikanischen oder asiatischen Raum, weniger attraktiv sind. Das geht, finde ich, in so eine Phrenologie rein, die wir aus dem Nationalsozialismus kennen.“

Wenn Selbstoptimierung außer Kontrolle gerät

Viele Menschen haben durch soziale Medien Möglichkeiten gefunden, sich selbst zu optimieren, daraus neue Motivation oder Inspiration geschöpft – schließlich möchten wir doch alle die beste Version unserer selbst sein. „Schwierig wird es dann, wenn Selbstoptimierung zu einem Lebenszweck wird, wo man sich selbst gegenüber nur noch Härte und Zurichtung beweist und das Leben nicht mehr genießen kann.“, mahnt Kracher. Dass normschöne Menschen durchaus gesellschaftliche Vorteile aus ihrem Aussehen ziehen können, ist wahr. Dieser Schönheitswahn bläst diesen Fakt allerdings völlig außer Proportion und reduziert zwischenmenschliches auf Oberflächlichkeiten.

Auch Dr. Lechner warnt: „Gerade Jugendliche, die in der Pubertät ohnehin oft mit ihrem Körperbild hadern, müssen diese Medienwelten kritisch reflektieren und brauchen darüber hinaus auch Räume für Austausch und Verletzlichkeit, damit sie mit Gefühlen von Scham und Unzulänglichkeit nicht allein bleiben. Die größte Gefahr sehe ich nämlich im Rückzug aus dem eigenen sozialen Umfeld. Es ist diese Vereinsamung, die dann noch weitere Konsequenzen nach sich zieht.“

Ob Frauen, die sich klein hungern, oder Männer, die sich in Bodybuilder verwandeln: Beide jagen einem unerreichbaren Ideal hinterher, das sich stetig verändert. Schönheit wird dabei zur Währung, mit der Nähe, Liebe und Anerkennung „verdient“ werden muss; anstatt Gemeinschaft bringt sie allerdings Isolation und Konkurrenzdenken. Beide Trends knüpfen am Drang nach Zugehörigkeit an, beide stützen ein Weltbild, in dem klare Rollenbilder herrschen. Der starke Mann und die zarte Frau. Wer immer aber nur den neuesten Schönheitsidealen hinterhereifert vergisst dabei eines: zu leben.

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